"Mein Zuhause liegt auf 1.074 Metern Höhe"

Eine Älplerin steht ihren Mann

Eine halbe Stunde Aufstieg vom Wanderparkplatz Gschwend entfernt, erstreckt sich das rund zwanzig Hektar große Areal der Alpe Gschwenderberg. Eingebettet von zahlreichen Wanderwegen, liegt die historische Alphütte im Herzen der Natur mit Blick auf den Alpsee und die angrenzenden Berge. An sonnigen Tagen werden Wanderer hier von läutenden Kuhglocken, einer Herde drolliger Schwarznasenschafe, einem plätschernden Brunnen und einer deftigen Brotzeit begrüßt. Hier, so scheint es, ist die Welt noch in Ordnung. Seit Sommer 2015 ist die Alpe von Mai bis Anfang Oktober das Domizil von Älplerin Laila.

Fernab der Hektik des Alltags, bewirtschaftet sie im Sommer auf 1.074 Metern Höhe, die Alpe Gschwenderberg

Es ist Anfang September, der Herbst kündigt sich in Form von aufgebauschten Wolken und feinem Nieselregen an. Von Wanderern und Ausflüglern weit und breit keine Spur. Dennoch schallt uns bereits am Gatter zur Hütte ein herzliches „Griasdi“ entgegen. Laila, Jahrgang 1989, führt das Leben, nach dem sich vermeintlich viele Großstädter sehnen: Fernab der Hektik des Alltags, bewirtschaftet sie im Sommer auf 1.074 Metern Höhe, die Alpe Gschwenderberg – eine der ältesten Almhütten im Oberallgäu. Der zierlichen Frau scheint das einsetzende Herbstwetter nichts auszumachen. In ihrer funktionalen Arbeitsmontur – Latzhose und klobiges Schuhwerk – steht sie uns mit einem sympathischen, offenen Lachen gegenüber. Gerade hat sie die Zäune kontrolliert; später muss sie noch ein paar kaputte Zaunpfähle ersetzen. Recht schnell wird klar: Laila hat es nicht aus Lifestyle-Gründen auf die Alpe verschlagen. Die junge Frau scheint etwas von Landwirtschaft zu verstehen und ist sich ihrer Verantwortung als Älplerin, durchaus bewusst.

"Ich war häufig mit Freunden beim Wandern und Klettern und jobbte in den Semesterferien auf einer Hütte des Deutschen Alpenvereins.“

Die Begeisterung für die Berge wurde der jungen Frau früh in die Wiege gelegt. „Mein Vater ist viel mit uns in die Berge gegangen“, erinnert sich Laila an ihre Kindheit und Jugend zurück. „Später war ich häufig mit Freunden beim Wandern und Klettern und jobbte in den Semesterferien auf einer Hütte des Deutschen Alpenvereins.“ Dort, auf dem Waltenberger Haus, lernt sie dann auch ihren heutigen Freund Christian kennen. Aus der anfänglichen Begeisterung füreinander, entwickelt sich eine feste Partnerschaft. „Christians Eltern sind Landwirte und führen einen typischen Allgäuer Grünlandbetrieb in der Nähe von Immenstadt“ erzählt Laila. „Ich wusste von Anfang an, dass Christian einmal in die elterlichen Fußstapfen treten und den Familienbetrieb übernehmen wird.“ Nach ihrem Studienabschluss entscheidet sich Laila für die Liebe, ein Leben auf dem Hof und eine Zukunft im Allgäu. „Wenn ich damals den Christian nicht schon gekannt hätte, würde ich heute irgendwo auf der Welt meiner Karriere nachgehen“, scherzt Laila. „Jetzt bin ich aber hier und kann mir ein anderes Leben gar nicht mehr vorstellen.“ Ein halbes Jahr lebt sie mit Christian auf dem elterlichen Hof, geht der Familie zur Hand, wird mit den Tieren und Arbeitsabläufen vertraut und erfährt eines Tages vom Pachtwechsel auf der benachbarten Alpe Gschwenderberg. Seit ihrer Kindheit träumt sie davon, einmal eine eigene Alpe zu bewirtschaften. Nach längerem Abwägen, einem motivierenden Gespräch mit den Schwiegereltern und deren Versprechen, ihr zu helfen, bewirbt sie sich schließlich und wird, aus der Gruppe an Interessenten, als neue Pächterin ausgewählt.

 "Abends bist du dann einfach nur noch stolz und glücklich"

2015 verbringt sie ihren ersten Sommer gemeinsam mit ihrer festangestellten Hüttenhilfe Carmen, 35 Schumpen, einer kleinen Herde Schwarznasenschafe, ein paar Hühnern und einer Katze auf der Alpe. Im Sommer 2016 kommen noch Milchkuh Mimi und ein Schwein hinzu. Ihr neues Zuhause lässt sich auf zwei Räume reduzieren: eine geräumige Küche mit winziger Schlafnische sowie ein großer, gemütlicher Gastraum, der unterm Tag den Gästen vorbehalten ist. So etwas wie Privatsphäre, ein Rückzugsort nur für sich, sucht man hier oben vergeblich. Um sieben Uhr morgens beginnt für gewöhnlich der Arbeitstag auf der Alpe: Nach den Tieren schauen, Milchkuh Mimi melken, Kuchen für die Wanderer und Ausflügler backen, ab 10 Uhr die ersten Gäste bewirten, den eigenen Gemüsegarten bewirtschaften, Wäschewaschen, die Einkäufe erledigen. Abends schaut Laila nochmals nach dem Vieh, bringt die Hühner in den Stall, räumt die Küche auf. An sonnigen Wochenenden ist die Hütte ein beliebtes Ausflugsziel. „Von früh bis spät sind wir dann hier am Fetzen“, lacht Laila. „Anfangs gab es sicher Momente in denen ich mir dachte: „Oh Gott, wie soll ich das alles auf einmal schaffen?“, aber abends bist du dann einfach nur noch stolz und glücklich.

Hohen Ansprüchen können wir hier oben sowieso nicht gerecht werden und die meisten Leute haben Verständnis und überbrücken manch längere Wartezeit mit einem Getränk aus unserem Brunnenkühlschrank“, fügt sie hinzu. Nur selten scheint die energische junge Frau an ihre eigenen Grenzen zu stoßen. „Es gibt relativ wenig Dinge, die Carmen und ich hier oben als Frauen nicht erledigen können. Klar gibt es Situationen, in denen eine männliche Hilfe gut wäre, aber die ist natürlich nicht immer da und bevor ein halber Tag vergeht, packt man eben selber an“, so Laila pragmatisch. „Das Leben hier oben ist sicher anstrengend und mit viel Einsatz und körperlicher Arbeit verbunden, aber es ist kein Hexenwerk. Irgendwie klappt es immer. Bei Regen und Schnee musst du raus und im Matsch herumstapfen. Wenn der Zaun kaputt ist und die Viecher ausgebrochen sind, dann ist es halt so. Aber mir macht die Arbeit hier draußen Freude und schließlich wachsen wir alle mit unseren Aufgaben.“

 "Ich kenne keine andere Region, in der man so einen hohen Freizeitwert hat, wie hier im Allgäu."

Auch wenn sie auf Grund der Gäste im Sommer nur wenig Zeit für sich hat, weiß sie die kostbaren freien Momente zu nutzen. „Wenn ich auf der Alpe bin, dann bin ich ja schon mitten in der Natur. Eine Stunde reicht mir, um auf den Berg zu gehen oder eine Runde Rad zu fahren. Ich kenne keine andere Region, in der man so einen hohen Freizeitwert hat, wie hier im Allgäu. Du kannst hier im Sommer wandern, radeln, klettern, oder in einem der Seen oder Freizeitbäder schwimmen gehen. Im Winter bist du direkt auf der Skipiste und musst nicht erst stundenlang im Stau auf der Autobahn stehen. Du bist direkt da! Vielleicht mag das Kulturangebot in der Großstadt vielseitiger sein, aber das nutzt man ja für gewöhnlich auch nicht jeden Tag. Gerade die Dinge, die man täglich machen möchte, liegen hier im Allgäu direkt vor der Haustür“, schwärmt Laila.

 

Aber gibt es nicht auch Schattenseiten? Einschränkungen, die andere 27-jährige nicht auf sich nehmen müssen? „In den Vorstellungen der Menschen schwingt bei meinem Job auch viel Sozialromantik mit. Die Realität auf der Alpe sieht aber meist anders aus. Für viele Menschen in meinem Alter wäre der Job hier oben vermutlich nicht der langfristige Traumberuf“, so Laila. „Allein die räumliche Begrenzung auf die Alpe würden viele nicht lange mitmachen. Für mich hat das Leben hier oben dagegen etwas sehr beruhigendes. Natürlich muss ich persönlich ein paar Abstriche machen, “ lenkt sie ein, „die Ego-Tour würde hier oben schlichtweg nicht funktionieren. Ich habe die Verantwortung für die Tiere und die Einnahmen aus der Gastronomie sind mein Lebensunterhalt. Von Oktober bis Anfang Mai lebe ich mit meinen Schwiegereltern und deren Eltern unter einem Dach. Als Großfamilie mit drei Generationen hängen wir alle irgendwie voneinander ab. Das ist natürlich schon teilweise eine Herausforderung“, erzählt Laila.

"Meine Auffassung von Luxus ist, die Freiheit zu haben, bei sonnigem Winterwetter die Skier zu packen und auf eine Skitour zu gehen während alle anderen in ihren Büros sitzen."

Laila ist heute im Allgäu und in ihrer Selbstständigkeit angekommen. „Mein Verdienst als Älplerin ist sicher nicht der höchste, aber Geld ist auch nicht das, was mich persönlich erfüllt. Meine Auffassung von Luxus ist, die Freiheit zu haben, bei sonnigem Winterwetter die Skier zu packen und auf eine Skitour zu gehen während alle anderen in ihren Büros sitzen. Denn das darf und kann ich mir, nach einem erfolgreichen Arbeitssommer auf der Alpe, dann auch guten Gewissens leisten.“