Kinder - die vergessenen Angehörigen

Frauen werden heute durchschnittlich später Mutter. So kann es sein, dass neben dem dementen Elternteil auch noch Kinder und Jugendliche zuhause wohnen. Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu einer halben Million Kinder und Jugendliche mit einem Pflegebedürftigen gemeinsam in einem Haushalt leben. Über diese Gruppe wurde bis jetzt zu wenig gesprochen, findet Susanne Holstein. Und das, obwohl sich auch das Leben dieser Kinder nach dem zu Pflegenden richtet. Auch sie sind pflegende Angehörige. Auch sie übernehmen Aufgaben und beschäftigen sich intensiv mit dem zu Pflegenden. Nicht selten füllen die Kinder sogar Lücken, die durch den Ausfall eines Pflegenden oder die allgemeine Belastung in der Familie entstehen. Wenn sie im gleichen Haus wohnen, dann bekommen sie hautnah mit, wie sich der Demente verhält und helfen teilweise bei der Pflege.

Eltern, Freunde und Anverwandte können einiges tun, um Kindern und Jugendlichen den Umgang mit Demenz zu erleichtern. Schon im Grundschulalter sollte man den Kindern das Verhalten der Oma oder des Opas erklären. Die Kinder wollen verstehen, was los ist. Ob sie alles verstehen, was der Erwachsene erzählt, ist unwichtig. Sie nehmen für sich heraus, was ihnen wichtig ist. Auch sollte man ihnen in diesem Alter keine Verantwortung für den Haushalt oder für die jüngeren Geschwister übertragen. In der Pubertät braucht das Kind einen Rückzugsort und Freiräume. Daneben sollte man den Jugendlichen bei seinen Hobbys, zum Beispiel im Sportverein, unterstützen. Man sollte ihn auch nicht zum Helfen zwingen. Wenn das Kind von sich aus eine Aufgabe sucht oder Verantwortung übernehmen will, dann sollte man das immer achtsam beobachten. Ist das Kind überfordert, kann sich das durch Nägelkauen, Nervosität, aber auch schlechter werdende Schulnoten bemerkbar machen. Sind die Kinder älter, sollte man zulassen, wenn sich das Kind ablöst. Wichtig ist, den Kindern ein »normales« Erwachsen-Werden zu ermöglichen. Sie brauchen Freiräume. Sie sollen »Kindsein « dürfen und auch in Gruppen außerhalb der Familie, im Sportverein oder in Jugendgruppen aktiv sein. Je kleiner das Kind ist, desto mehr Zuwendung in Form von Zeit und emotionaler Wärme braucht es. Doch egal, wie alt das Kind ist: Es muss immer die Möglichkeiten haben, Probleme mit jemandem zu besprechen. Es ist viel erreicht, wenn man den Kindern zuhört, immer wieder nachfragt, sie ernst nimmt und über die erlebten Situationen spricht. Die Kinder und Jugendlichen möchten reden, aufgeklärt werden und über ihre eigenen Erlebnisse mit dem zu Pflegenden reden. Sonst bleiben sie alleine mit ihren Gefühlen und dem Erlebten zurück. Klar ist: Die Pflege einer dementen Person ist zeitintensiv und kostet Nerven. Wer jemanden pflegt, der hat eh schon kaum Zeit. Natürlich ist man um jede Entlastung froh. Diese Hilfe sollten aber nicht die eigenen Kinder sein.