Allgäuer Klassiker

Allgäuer Braunvieh

Jeder kennt es - Das Allgäuer Braunvieh. Auf unseren grünen Wiesen ist das Rind nicht mehr wegzudenken. Doch was ist eigentlich seine Geschichte?

Das Braunvieh gehört zum Allgäu wie die Löcher in den Allgäuer Emmentaler und ist auf den grünen Wiesen der Region nicht weg zu denken. Dabei steckt hinter dieser Rasse eine bewegte Vergangenheit. Wir haben einen Blick auf die besondere Geschichte und die besonderen Merkmale des Allgäuer Braunviehs geworfen.

Die Geschichte

Ursprünglich gab es im Laufe der Jahrhunderte im Alpenraum unterschiedliche Braunviehschläge. Darunter auch der sogenannte „Allgäuer Dachs“ – das ursprüngliche „Allgäuer Braunvieh“. Letzterer war zwar der kleinste und zierlichste, zeichnete sich aber durch eine hohe Milchergiebigkeit, bezogen auf seine Körpermasse, aus und wurde wegen seiner Genügsamkeit, Gesundheit und Langlebigkeit sehr geschätzt. Ein intensiver Handel führte jedoch dazu, dass wichtige Zuchttiere fehlten. Diese Lücke wurde durch die Einfuhr von Tieren aus Österreich und der Schweiz gefüllt.

Anfang des 19. Jahrhunderts wütete auch im Allgäu die Rinderpest - und große Teile der Viehbestände des Allgäuer Braunviehs gingen verloren. In der Not wurden Tiere anderer „Schläge“ aus Österreich und der Schweiz zugekauft, schließlich entstanden eine Vielzahl verschiedener Zuchtrichtungen des Braunviehs.

Durch das Aufblühen der Milchwirtschaft im Allgäu trat die Milchproduktion direkt in die Konkurrenz zur Aufzucht von Jungvieh. Die erforderlichen Tiere wurden wiederum im benachbarten Ausland eingeführt. Die Zucht von eigenem, leistungsstarkem Vieh geriet dadurch immer mehr in Bedrängnis. Der ursprüngliche „Allgäuer Dachs“ wurde durch andere Braunviehschläge verdrängt.

Heute haben die meisten der gezüchteten Tiere das Blut der US-amerikanischen Zuchtlinie „Brown Swiss“ in sich. Durch die Einkreuzung von Brown Swiss Stieren ab 1965 wurde das Braunvieh großrahmiger, die Euterqualität sowie die Milchleistung konnten deutlich verbessert werden. Reinrassige Allgäuer Braunviehtiere existieren heute noch wenige hundert – in Zahlen sind das 0,15 Prozent der Rinder in der Region. Die Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen hat daher das Original Braunvieh zur gefährdeten Nutztierrasse des Jahres 2016 erklärt. Um die Zuchtlinie nicht aussterben zu lassen, wird sie in besonderen Programmen wieder reinrassig gezüchtet.

Erhalt des Allgäuer Original Braunviehs

Das Original Allgäuer Braunvieh wäre heute vermutlich ohne das Engagement des „Allgäuer Original Braunvieh Zuchtverein e.V.“ ausgestorben. Durch intensive Bemühungen um den alten Braunviehschlag, z.B. durch Rettungskäufe und systematische Erfassung, in den 90er Jahren konnte die Rasse gerettet werden. Ziel ist es, das Original Braunvieh zu erhalten und zwar auf der Basis von Kuh- und Stierlinien, die ausschließlich aus dem bayerischen und dem württembergischen Allgäu stammen.

Für den allgemeinen Erhalt und Verbreitung des sogenannten „Deutschen Braunviehs“ sorgt die Allgäuer Herdebuchgesellschaft, die es sich zur Aufgabe gemacht hat die Zucht zu fördern und Zucht- und Nutztiere im In-und Ausland zu vermarkten. Initiiert wurde sie durch Baurat Josef Widmann – 1893 wurde sie in Kempten gegründet, damit ist sie eine der ältesten Zuchtorganisationen Deutschlands.  Bis heute befinden sich noch heute zahlreiche Alpen im Besitz der Allgäuer Herdebuchgesellschaft und dienen der Älpung von Jungvieh aus Mitgliedsbetrieben.

kleiner Exkurs: Slow Food

Trotz aller Bemühungen gilt das Original Braunvieh noch heute als gefährdet. Daher wurde das Original Braunvieh in die sogenannte „Arche des Geschmacks“ des Slow Food Deutschland e.V. aufgenommen. Ziel der „Arche des Geschmacks“ ist der Schutz von vom Aussterben bedrohten Nutztierrassen, Gemüse- und Obstsorten sowie Lebensmittel, die mit handwerklichem Können und Wissen hergestellt werden. Vor allem der regionale Bezug ist hier ein zentrales Merkmal. Ein weiterer „Passagier“ der Arche ist ebenfalls ein bekannter Allgäuer: der Allgäuer Weißlacker – eine von der EU geschützte Käsesorte.

Die Qualitäten des Original Braunviehs

Das Original Braunvieh wird auf eine sogenannte „zweiseitige“ Nutzung, nämlich Milch sowie Fleisch, gezüchtet. Das heißt,  dass gleichermaßen auf eine gute Milchleistung sowie überdurchschnittliche Bemuskelung und Eignung zur Mast geachtet wird. Das Original Braunvieh ist robust, widerstands- und anpassungsfähig und  besonders zur Weidehaltung im Flachland und im Gebirge geeignet.

Auch die Langlebigkeit der Tiere ist ein besonderes Merkmal  sowie auch die lange Milchleistung: Das Allgäuer Braunvieh hat nämlich mit die längste Nutzungsdauer aller Intensivrassen in Deutschland. Die Fellfarbe der Tiere variiert von mausgrau bis dunkelbraun. Die Spitzen der Hörner sind dunkel. Das sogenannte „Flotzmaul“, der Übergang von Naseneingang und Oberlippe, ist dunkel mit einem weißen Saum. Die Bullen sind generell dunkler als die Kühe. Im Vergleich zu dem modernen Braunvieh ist das Original Braunvieh kürzer und kleiner, hat aber mehr Fleisch auf den Rippen.

Und noch ein kleiner Ausflug in die Welt der Fakten: Die moderne Braunviehkuh ist ca. 1,50 m groß und wiegt bis 650 bis 700 kg. Die Originale ist mit 132 cm deutlich kleiner und erreicht ein Gewicht von ca. 600 kg. Sie bekommen im Schnitt ab dem 3. Lebensjahr ein Kalb pro Jahr. Innerhalb einer "Laktation" bzw. Jahres werden 5.000 bis 8.000 Liter Milch produziert – eine wichtige Rechnung, denn eine Kuh gibt bekanntlich nur dann Milch, wenn sie ein Kalb zur Welt bringt.

Fest steht: Das Allgäuer Braunvieh ist ein wichtiger Bestandteil unserer Allgäuer Kultur(landschaft). Es prägt unsere Region und macht sie auch einzigartig. Und: Es gibt nichts schöneres, nach den kalten Wintermonaten die ersten Tiere wieder auf den Weiden stehen zu sehen - echte Allgäuer "Frühlingsboten" sozusagen!

Das kleine Kuh-ABC

  • Kalb: bis ca. 4 Monate
  • Schumpen: weibliches Rind von ca. 5 Monaten bis 2 Jahren
  • Kalbin: trächtiger Schumpen ab dem 2. Lebensjahr
  • Kuh: weibliches Rind nach dem ersten „kalben“
  • Bulle (oder auch Stier): männliches, geschlechtsreifes Rind
  • Biestmilch: nach dem Trockenstellen erstmals durch die Kuh wieder produzierte Milch, meist zähflüssig
  • Rohmilch = nicht erhitzt und unbehandelt, direkt ab Hof verkauft (Fett: 3,5%-5%)
  • Vollmilch: wärmebehandelt, fettreduziert (Fett: mind. 3,5%) 
  • fettarme Milch: teilentrahmt, wärmebehandelt, fettreduziert (Fett: 1,5%-1,8%)
  • H-Milch: ultrahocherhitzt, bis zu drei Monate haltbar
  • Heumilch: traditionelle Fütterung mit sommerlichen Gräsern und Kräutern auf der Weide; im Winter Heufütterung, kein Silagefutter

Wir bedanken uns für die freundliche Unterstützung des AELF Kempten - Fachzentrum für Rinderzucht und der Allgäuer Herdebuchgesellschaft.