Die Neugablonzer Schmuckindustrie

Die Neugablonzer Schmuckindustrie erzählt eine Geschichte von bewegter Vergangenheit, der Bewahrung spezieller Handwerkskunst und der heutigen Entwicklung im Spannungsfeld von Fortschritt und traditionellem Erbe. Der Stadtteil von Kaufbeuren stellt heute ein eigenes lokales Wirtschaftscluster im Allgäu dar – welches sich stets weiterentwickelt.

Die Geschichte hinter der Neugablonzer Schmuckindustrie

Gablonz an der Neiße – eine Stadt mit florierender Industrie und ausgeprägter Bürgerkultur im Sudentenland. Doch ihre aufstrebende Entwicklung fand ein jähes Ende, als nach dem 2. Weltkrieg die Aussiedlung der deutschen Bevölkerung in Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei veranlasst wurde. Deshalb landeten in den folgenden Monaten etwa zwei Millionen Flüchtlinge und Vertriebene in Bayern. Um die Glas- und Schmuckindustrie im Allgäu neu zu gründen, wurden Facharbeiter aus Gablonz auf dem Gelände einer ehemaligen Munitionsfabrik bei Kaufbeuren angesiedelt. Gablonz an der Neiße sollte im neu gebauten Stadtteil als „Neugablonz“ auferstehen.

Handwerkliches Geschick, industrielle Kultur und kaufmännisches Wissen – das war den Gablonzern geblieben. Mit ihrer Beharrlichkeit und Willenskraft bauten sie auf den Trümmern der Munitionsfabrik ihre Industrie wieder auf. Anfangs in Hütten und Baracken entstand, zunächst noch aus wiederverwertetem Altglas, Munitionskartuschen und anderen Rohstoffen, eine Vielfalt an Schmuckstücken. Die enge Zusammenarbeit zwischen den zugehörigen Unternehmen und die Unterstützung der zuständigen Behörden ermöglichten immer mehr die Umsetzung spezieller Kundenwünsche und die Anfertigung anspruchsvoller Serien.

Es bildete sich ein Netzwerk aus kleinen und mittelständischen Unternehmen – jedes mit seiner ganz persönlichen Geschichte. Sie vereinen sich heute im „Bundesverband der Gablonzer Industrie“, welcher weltweit bis heute der größte Zusammenschluss Modeschmuck herstellender Betriebe ist.

Lokales Cluster Neugablonz

Mittlerweile ist der dominierende Standort der Gablonzer Industrie in Neugablonz. Bei den Betrieben handelt es sich um stark spezialisierte mittelständische Unternehmen mit einem großem Produktspektrum und Werkstoffvielfalt. Neben Schmuckwaren und -komponenten finden sich auch Spielwaren und Souvenirs im Angebot. Glas, Metall und Kunststoff in den unterschiedlichsten Ausprägungen stellen hierfür die Grundlage – das traditionelle Gablonzer „Glasrezept“ fand, eingenäht in einen Mantel, damals seinen Weg nach Kaufbeuren.

Im Unternehmensverbund produziert jede Firma unterschiedliche Produkte vornehmlich für externe Geschäftskunden, aber vor allem auch innerhalb des Verbunds gibt es Abnehmer, wodurch z.B. eine kurzfristige Verfügbarkeit gewährleistet ist. Dieses Baukastensystem ermöglicht die Entstehung eines Schmuckstücks im lokalen Industrieverbund, von der Fassung und den Schmucksteinen über Zierteile, Mechaniken bis hin zur Veredelung. So fördert die Zusammenarbeit Synergien, ganz im Sinne eines kreativen Clusters.

 

 

 

Entwicklung der Geschäftsfelder: Schmuck und Technik

U. a. durch Trends und den damit verbundenen Schwankungen der Nachfrage im Bereich des Schmucks wird ein weiterer Schwerpunkt auf das Geschäftsfeld Technik, welches bereits in Gablonz selbst Teil der Industrie war, gelegt. Hier werden Kompetenzen der Schmuckproduktion auf andere Bereiche überführt – z. B. auf Glas- und Oberflächentechnik.

Was zunächst als Nebengeschäft galt, erlangt durch die bestehende Konkurrenz des internationalen Marktes einen immer größer werdenden Stellenwert. Denn die Mehrheit der Betriebe ist zwar in der Schmuckproduktion tätig, doch der größte Umsatz erfolgt im Geschäftsfeld Technik. So sind technische Zulieferprodukte und komplexe Systemkomponenten aus der Gablonzer Industrie nicht mehr wegzudenken. Sie sind heute für viele Unternehmer sogar ein Muss.

Trotz der vielen Wettbewerber ist die weltweite Nachfrage und Wertschätzung, vor allem aus Indien und China, groß. Die Vielfalt der verarbeiteten Materialien und Produktionsverfahren gepaart mit Flexibilität und technischem Know-how zeichnet die Gablonzer Industrie aus und steht für das Qualitätsversprechen „Made in Germany“.

Ausbildung direkt vor Ort

Ein Aushängeschild von Neugablonz ist die Berufsfachschule für Glas und Schmuck, welche in ihrer Form einzigartig in Deutschland ist. Schon seit 1947 werden hier Glas- und Porzellanmaler, Gold- und Silberschmiede sowie Graveure mit handwerklichem Geschick, gestalterischer Begabung und einem hohen Maß an Kreativität ausgebildet. Doch auch die Hälfte der Unternehmer bildet selbst aus, hier finden sich zahlreiche Berufe aus Industrie, Handwerk und Handel.

Erlebnisausstellung im Haus der Gablonzer Industrie

Bereits seit 10 Jahren können sich Interessierte in der Erlebnisausstellung der Gablonzer Industrie über die Betriebe und ihre Produkte informieren. Da es in Neugablonz keinen speziellen Schaubetrieb gibt, erhält man dort Einblicke, wie ein Schmuckstück entsteht und welche Produktionsschritte es dabei durchläuft. Zusätzliche Sonderschauen zeigen außergewöhnliche Einzelstücke in unterschiedlichen Stilrichtungen aus den Neugablonzer Werkstätten, dabei erzählt jedes Stück seine eigene Geschichte.

Weitere Informationen zur Erlebnisausstellung finden Sie hier.
Über den Bundesverband der Gablonzer Industrie können Sie sich hier informieren.