Pflegedienstleitung und Pflege-Management Studentin

Interview mit Pflegedienstleitung Louisa Schwemmer

Ich komme jeden Tag gerne, weil ich die Dankbarkeit von den Leuten erfahre. Sie schätzen es, wenn jemand da ist.

Bitte beschreibe deinen Beruf in drei Worten:

Louisa Schwemmer: Man erfährt viel Wertschätzung, Freude, Dankbarkeit.

Warum hast du dich entschieden in der Pflege zu arbeiten?

Louisa Schwemmer: Die Bewohner übermitteln mir sehr viel Lebensweisheit. Sie haben einfach schon viel erlebt. Und gerade für einen jungen Menschen ist es bereichernd, Geschichten aus dem Leben anderer zu hören. Ich komme jeden Tag gerne, weil ich die Dankbarkeit von den Patienten erfahre. Sie schätzen es, wenn jemand da ist. Und jetzt als Leitungsposition möchte ich die Pflege so verändern, dass es noch mehr wertschätzende Pflege ist.

Hast du denn die Zeit auch Gespräche zu führen?

Louisa Schwemmer: Die Zeit ist in der Regel knapp und man muss kombinieren. Das ist eben der traurige Alltag, die Zeit für lange Gespräche fehlt.

Das würdest du wahrscheinlich ändern wollen oder?

Louisa Schwemmer: Ja. Hier muss die Politik auch mitziehen. Die Grundsituation besteht und man kann nicht alles ändern. Doch das soziale Miteinander muss deutlich gestärkt werden.

Was hat dich besonders in deinem Beruf berührt?

Louisa Schwemmer: Auch wenn es sich für Außenstehende vielleicht befremdlich anhört: Es ist ein ergreifendes Erlebnis, jemanden im Sterbeprozess begleiten zu können. So, dass der Mensch gut von uns gehen kann. Als Pflegekraft ist es ein schönes Gefühl, den Sterbenden ihre letzten Wünsche zu erfüllen, um so den Abschied eventuell leichter zu machen. Vielleicht hört sich das komisch an, aber man hatte ja auch eine Bindung zu dem Bewohner.

Doch diese Kontakte wirst du als Leiterin, nicht mehr so oft haben.

Louisa Schwemmer: Das ist richtig, der Bewohnerkontakt fehlt mir. Doch das muss ich in Kauf nehmen. Ich möchte diese besonderen Momente nun meinen Mitarbeitern ermöglichen.

Was war bisher die deine größte Herausforderung?

Louisa Schwemmer: In der Ausbildung hatte ich Notfälle, in denen ich diesen ethischen Konflikt gespürt habe: „Was ist noch lebenswert und was ist nicht?“ oder „Macht eine weitere Behandlung noch Sinn?“ Das sind Konflikte die jede Pflegekraft kennt. In meiner neuen Position habe ich nun eine andere, doch genauso wichtige, Herausforderung: der Fachkräftemangel.

Was bedeutet der Fachkräftemangel für euch?

Louisa Schwemmer: Im Moment können wir unsere Fachkräftequote halten, dennoch wird es im Falle eines Krankheitsfalls schwierig alle Dienste zu ermöglichen. Denn der Dienstplan ist der Dreh- und Angelpunkt für die Gewährleistung einer guten Versorgung.

Was macht deinen Beruf für dich so besonders?

Louisa Schwemmer: In der Zusammenfassung ist es die Wertschätzung, die man bekommt. Die Voraussetzung hierbei ist allerdings auch, dass die Mitarbeiter sich auf die Ebene der Empathie einlassen und den Menschen pflegen können, wie man sich selbst pflegen möchte. Der verleitet oft zur Hast und man denkt sich dann im Nachhinein „War das jetzt  so, wie man mit dir umgehen sollte im Alter?“.

Ein schöner Ansatz, wenn man sich in die Position des Patienten hineinfühlt.

Louisa Schwemmer: Ja, man muss sich halt in die Person hineinversetzten können. Und das kann auch nicht jeder, muss man aber in diesem Beruf mitbringen. Zudem muss jeder Patient gleich behandelt werden. Manchmal ist man auch genervt, wenn sich eine Person zehnmal wegen des gleichen Themas meckert. Doch Ruhe bewahren ist einfach sehr wichtig und auch notwendig.

Wann hast du gemerkt, dass die Pflege und die Arbeit mit Menschen das Richtige für dich ist?

Louisa Schwemmer: Eigentlich wollte ich eine Ausbildung im Hotelfach machen. Aber schon in der Probezeit habe ich gemerkt, dass das nicht so meins ist. Ich habe die Ausbildung abgebrochen und das Jahr noch beim Roten Kreuz und Bundesfreiwilligendienst abgeschlossen. Ich war mir danach unschlüssig und wollte zunächst die Ausbildung zum Altenpflegehelfer machen. Dann hat es mir in dem Jahr so gut gefallen, dass ich mir über etwas anderes überhaupt keine Gedanken gemacht habe.

Wenn du könntest, was würdest am Pflegeberuf ändern?

Louisa Schwemmer: Den Personalschlüssel. Dann wären die Arbeitsbedingungen wesentlich besser. Schlecht verdienen wir ja nicht. Aber man müsste den Personalschlüssel für die Bewohner erhöhen.

Welche Bedeutung hat für dich Alter und Tod?

Louisa Schwemmer: Der Tod gehört zum Leben dazu. Auf dies wird man in der Ausbildung vorbereitet. Gerade wenn man den Betroffenen auch so gut kennt und mit ihm fühlt, ist es umso schöner, wenn er dann auch den Abschied geschafft hat und gehen konnte.

Kann man Beruf und Privatleben trennen?

Louisa Schwemmer: Ja, es geht relativ gut, weil man dieses Leid auch mitfühlt und dann sieht „jetzt hat er es geschafft“. Das Abschalten muss man schon auch lernen.

Hat dich die Arbeit als Mensch verändert?

Louisa Schwemmer: Man reift schneller, habe ich das Gefühl und man hat eine ganz andere Sichtweise auf das Leben, was man vielleicht im Leben auch noch erreichen möchte. Oder auch der Umgang selber mit seinen Großeltern oder der Familie verändert sich. Denn man lernt die Familie mehr wertzuschätzen, wenn man manchmal sieht, dass Bewohner keine Angehörigen mehr haben. Oder sie haben eigentlich Kinder doch es kommt keiner vorbei und man sieht wie traurig sie dadurch sind.

Das heißt du triffst jetzt deine Großeltern öfter als vorher?

Louisa Schwemmer: Ja, man nimmt die Dinge anders wahr und schätzt auch seine Gesundheit mehr, wenn man sieht wie schnell Krankheiten das Leben verändern und man bekommt auch mit, wie viele junge Menschen in die Kurzzeitpflege kommen. So schätzt man dann noch mehr sein persönliches Empfinden.

Was denkst du, wie schaut die Pflege in 100 Jahren aus?

Louisa Schwemmer: Vermutlich wird das System erstmal etwas zusammenbrechen, bis es sich wieder aufrappelt. Aber ich bin der Hoffnung, dass es sich dann irgendwann verbessert. Ich bin kein Fan von Robotern. Ich finde den Kontakt von und mit Menschen in der Pflege sehr wichtig. Die Menschen brauchen ein lebendiges Wesen in ihrer Nähe.

Bitte vervollständige den Satz: Mein Beruf ist etwas für dich, wenn du…?

Louisa Schwemmer: … Empathie entwickeln kannst, Spaß im Umgang mit Menschen hast und selbst mehr reifen und Lebenserfahrung sammeln möchtest.