Regiostern

Online-Bauernmarkt für regionale Erzeugnisse

Wenn Geschmack den Unterschied macht

Als Martin Bayrhof in München Wirtschaftsinformatik studiert, war das ein anderes Leben als bei seinem Aufwachsen im Allgäu. „Besonders meine Ernährung im Wohnheim; das war typisch für das Studentenleben“, erinnert sich Bayrhof. „Mein Fokus lag schließlich auf anderen Dingen.“ Erst als er die industriell verarbeiteten Produkte aus dem Supermarkt nicht mehr sehen kann, wird im bewusst, was ihm fehlt. „Wenn man etwas kocht, von dem man genau weiß, wo es herkommt, dann schmeckt das anders“, sagt er nachdenklich. „Es ist dann mehr als nur Nahrung. Lebensmittel sind Heimat, sie erzählen Geschichten.“ Was in seiner Kindheit selbstverständlich war, ein großer Garten mit eigenem Obst und Gemüse, man kennt den Bauern von dem die Milch stammt, all das geht in unseren Großstädten verloren. Schon im Studium wird ihm klar, dass er wieder ins Allgäu zurückwill und genau an diesem Thema arbeiten.

Bewusste Ernährung: Vom Erlebnis und Verstehen zum Handeln

Gesund essen, regionale, fair und gut produzierte Lebensmittel, das wollen heute viele Menschen. Lebensmittel direkt vom Erzeuger zu beziehen ist die beste Chance dafür.
Aber wie findet man die passenden Produkte, wenn man die Erzeuger nicht zufällig kennt? Und wie funktioniert überhaupt Selbstvermarktung für die Erzeuger? Seine Kontakte von früher helfen ihm beide Seiten zu verstehen. Sein Wissen aus der Wirtschaftsinformatik bildet die Grundlage für eine Idee zu einem nachhaltigen Geschäftsmodell, das Verbraucher und Erzeuger online miteinander in Kontakt bringt.

„Mir geht es dabei nicht nur darum, einen Markt zu schaffen und Verkäufe zu vereinfachen. Vor allem geht es mir darum, Beziehungen herzustellen“, beschreibt Bayrhof sein Anliegen. Wenn man die Erzeuger persönlich kennt, entsteht Verständnis füreinander. Man lernt voneinander, z.B. warum Milchkühe Hörner tragen sollten oder warum muttergebundene Kälberaufzucht nicht selbstverständlich ist. Faire Preise werden möglich, man teilt vielleicht sogar die Risiken einer schwer kalkulierbaren Produktion verderblicher Rohstoffe.

Für diesen Beziehungsaufbau setzt Bayrhof vor allem auf die Abholung vor Ort beim Bauern. So entstand die Idee für RegioStern.de, eine Art Online-Bauernmarkt mit regionalen Erzeugnissen.

Wenn sich individuelle Prozesse nicht standardisieren lassen – eine besondere Herausforderung

Es wurde schnell klar, dass die einzelnen Erzeuger und teilweise sogar die einzelnen Produkte sehr unterschiedliche Anforderungen an eine solche Plattform stellen. Denn Erzeugung und Vertrieb von Lebensmitteln von kleinen bäuerlichen Betrieben, unterliegen anderen Regeln und Bedingungen als die standardisierte, skalierbare Herstellung und Vermarktung von Massenprodukten.

„Damit sich der der landwirtschaftliche Betrieb keinem fixen System unterwerfen muss, entschied ich mich dafür, eine eigene Plattform zu entwerfen. Sie erlaubt es mir, das nachzubilden, was der Erzeuger schon hat und anbietet, z. B. Fleisch auf Vorbestellung“, erklärt Bayrhof die besonderen Herausforderungen. „Die Produkte sind nicht standardisiert. Bei einer Rinderlende zum Beispiel geht der Preis nach Gewicht. Das Gewicht kann man aber nicht einfach frei festlegen, sondern entspricht dem, was das Tier vorgibt.“ Bisher senden manche Erzeuger einfach eine Email an vorhandene Interessenten mit den aktuellen Angeboten. Das bedeutet einen stark begrenzten Kreis an möglichen Käufern. Da die Nachfrage oft das Angebot übersteigt, müssen Bestellungen einzeln per Telefon abgewickelt werden, um sicherzustellen, dass niemand umsonst den Weg zum Hof antritt.

Nach der Entwicklung der Plattform war der nächste Meilenstein für RegioStern.de im April 2019 eine erste Seite zu launchen, mit der man sich vorstellen kann, worum es geht. Die Funktionalität wird nun nach und nach ausgebaut, geplant ist z. B. die Filterung nach Kriterien wie „Fleisch von Rindern mit Hörnern“ oder eine Abofunktion für Erzeuger. Dann geht es darum, mehr Verbraucher und mehr Erzeuger auf die Plattform zu bringen.

Im September 2018 gründet Martin Bayrhof RegioStern.de (bis April 2019 unter dem Namen biostern.de). Unterstützt wird er von zwei freien Mitarbeitern: Einem Demeter-Landwirt, der bereits konventionell direktvermarktet und einem Software-Entwickler. Bayrhof kümmert sich vor allem um das Frontend der Plattform, ihre Usability und gewünschte Funktionalität, Kontakte und Vermarktung.

Inzwischen sind 2 Erzeuger dabei für Fleisch, Wurst, Käse und weitere Milchprodukte. Die Plattform richtet sich an Landwirte, Direktvermarkter, (Hof-)Käsereien/Sennereien, Sennalpen und ähnliche Betriebe. Interessant ist das Konzept vor allem für kleinere Betriebe, die ihren Betrieb bekannter machen und ihren Kunden eine Online-Bestellung ermöglichen möchten.

Nach dem Testbetrieb wird die Vermittlung für die Verbraucher kostenlos bleiben, die Preise und Preisstrukturen der Lebensmittel richten sich nach den Erzeugern. Für die Erzeuger ist die Nutzung von RegioStern.de ebenfalls kostenlos. Erzeuger, welche mit ihrer Vermarktung noch einen Schritt weitergehen möchten, können dann zusätzliche Leistungen, wie beispielsweise eine eigene Website mit integriertem Shop, buchen.

Bayrhof wünscht sich den direkten Kontakt zwischen Verbraucher und Erzeuger vor Ort auf dem Hof und das dazugehörige Erlebnis. Aber schlussendlich legt der Erzeuger die Rahmenbedingungen der Transaktion fest - ausliefern oder abholen (mit Termin), Zahlung bar bei Abholung, per Rechnung, Paypal oder Lastschrift.

„Zukünftig wäre es auch interessant, gastronomische Betriebe als Einkäufer auf RegioStern.de zu holen“, malt Bayrhof den nächsten Schritt aus. Sein Online-Marktplatz konnte bereits die Besucher der Digital Night 03 von Allgäu Digital im Januar 2019 überzeugen, wo er den ersten Preis erhielt.

Bäuerliche Kultur im Allgäu stärken.

Martin Bayrhof ist in der bäuerlichen Kultur seiner Heimat verwurzelt. Schon als Kind half er beim Landwirt nebenan. Seine Idee für eine Online-Selbstvermarktungsplattform entwickelte er gemeinsam mit einem befreundeten Bauern, der sie immer wieder dem Praxistest unterzog.  Nach dem Studium kam er mit seinem Plan im Gepäck selbstverständlich wieder ins Allgäu zurück. „Das war nie eine Frage für mich. Hier kenne ich mich aus, ich habe den Bezug zu den Menschen, zur Region, ich weiß worum es geht.“ Auch wenn die landwirtschaftliche Idylle die Kulturlandschaft und Tourismusregion Allgäu prägt, findet auch hier Verdrängung durch große Betriebe statt.

Grundsätzlich kann er sich vorstellen, dass man das Projekt auf andere Regionen erweitern kann, wünscht sich dafür aber jeweils einen Partner vor Ort und führt aus: „Meine Idee lebt schließlich von den Beziehungen untereinander. Kurze Wege, Klima, Landwirte mit Bezug zu ihrem Grund und Boden, Achtsamkeit, der Erhalt der bäuerlichen Kultur, Wirtschaftlichkeit, Transparenz und faire Preise. Das sind für mich keine leeren Schlagworte. Das Erlebnis Bauernhof ist nicht nur etwas für den Urlaub – mit Ferien auf dem Bauernhof und regionalen Erzeugnissen als Mitbringsel. Das sollte wieder Alltag sein. Die Vernetzung mit den Menschen vor Ort. Machbar und lebbar für jeden.“

Keyfacts zu Regiostern

Branche: Internet-Dienstleistung, Direktvermarktung landwirtschaftlicher Erzeugnisse

Gründungsjahr: 2018

Kontakt: hallo@regiostern.de, www.regiostern.de

Wir bieten:

  • Online-Plattform zur Selbstvermarktung,
  • Abbildung individueller Verkaufsprozesse im Marktplatz,
  • Zugang zu ausgesuchten Erzeugern regionaler, landwirtschaftlicher Produkte.

Wir suchen:

  • Landwirte und Direktvermarkter, die eine größere Reichweite für ihre Produkte wollen
  • ... und Wert auf Wertschätzung und einen direkten Kontakt zu ihren Kunden legen.
  • Verbraucher, denen Fairness, Nähe und Transparenz bei ihren Lebensmitteln wichtig ist.


Erscheinungstermin: Dezember 2019 

Autor
Kommunikation & Messaging für neue Vorhaben, © Ronja Hartmann

Ronja Hartmann

Ronja Hartmann Communications

Lotsin im medialen Überangebot. Tech Geek mit Hang zur Kunst. Unterwegs, damit sich Unternehmen grundlegend anders vermarkten. 

Für Allgäu Digital porträtiere ich die Start-Ups im Projekt.

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