s'Bergei und sein Hühnermobil

Jede Woche eine frische Wiese, das bekommen die Hühner vom Betrieb „S`Bergei“ im Oberallgäu. Möglich macht das das sogenannte „Hühnermobil“. Direkt ab Hof, am 24h-Automat und im Dorfladen kann man die Eier dann beziehen.

Mit Blick in die Berge legen Hühner offenbar die besseren Eier. Eine buchstäblich steile Theorie. Ein Beweis dafür könnte ein kleiner Bio-Geflügelhof in Rettenberg im Oberallgäu sein. Auf dem hochgelegenen Betrieb von Markus Speiser und Schwiegersohn Alessandro Zerbo stehen zwei sogenannte Hühnermobile (Mobilställe) mit je 240 Hühnern mitten auf grüner Wiese und vor einer einmaligen Gipfelkulisse. Ob der Ausblick allein für den knallorangenen Dotter und die gleichmäßige, weiche Konsistenz des Eiweiß verantwortlich ist? Wohl eher nicht. Aber die Hühnerflüsterer aus dem Oberallgäu haben noch weitere Tricks.

Herrliche Lage auf 870 Metern

Wer den Berghof weit außerhalb bzw. oberhalb von Rettenberg finden will, muss sich von seinem Navi über kurvige Landstraßen zum „Acker 5“ hinauflotsen lassen. Direkt vor dem Haus zeigt ein selbstgemaltes Holzschild in die Einfahrt, an deren Ende es die Bio-Eier gibt. Der Verkauf findet quasi durchgehend in der kleinen Packstation statt. „Man findet sich dann schon. Bei uns ist immer jemand daheim“, sagt Markus Speiser, der eigentlich Instrumentallehrer für Blechbläser ist.

Nur wenige Meter vom Hof entfernt stehen die beiden identischen Mobilställe. Einer links, der andere rechts der schmalen Straße. Und jeweils mitten in einer großen grünen Wiese. Die Flächen hat Markus Speiser vom Nachbarn gepachtet. „So sind die Hühner ganz nah bei uns“, erklärt er. Die beigefarbenen Wagen mit rotbraunem Schrägdach sind etwa zweieinhalb Meter breit und über acht Meter lang. Zwischen den Fahrachsen gibt es vier Hühnerklappen je Seite, auf der Stirnseite schwebt über hohem Gras die Anhängerachse. Immer samstags wird umgezogen.

Fahrende Hühner haben’s besser

 „Unsere Hühner bekommen jede Woche eine frische Wiese“, erklärt Alessandro Zerbo. In der einen Woche zäunen die Männer die Ostseite des Wagens ein und öffnen die Klappen auf der linken Seite. In der darauffolgenden Woche wird im Westen eingezäunt und die rechten Klappen gehen auf. Danach wird der Mobilstall mit einem geliehenen Traktor einige Meter weitergezogen und das Spiel geht von vorne los. „Beim Abstellen geht es darum, dass der Wagen wieder in der Waage steht. Wir sind da sehr genau, sonst läuft das Wasser in den Leitungen nicht richtig und die Eier rollen herum“, erklärt Zerbo.

Wassertank und Futterlager hängen außen am Stall, daneben führt eine weiße Türe ins Wageninnere. Dahinter gurrt es in verschiedenen Tonlagen. Alessandro Zerbo öffnet vorsichtig die Türe, etwa 100 Augenpaare blicken ihn verdutzt an. Die Hühner sitzen auf den Stangen oder ruhen am Boden. Doch damit ist mit einem Mal Schluss, sofort eilen einige gackernde Damen auf Zerbo zu. Der Hühnerhalter stapft einmal der Länge nach durch den Wagen, prüft die Wasserzufuhr und Futtermenge während er immer wieder flüchtig die Hühner streichelt, die ihm bei seinem Kontrollgang nicht von der Seite weichen.

Zuerst die Arbeit, dann das Weidevergnügen

Er widmet sich nun dem Herzstück des Mobilstalls: die Legenester. Ein schmaler Holzbau, der sich beinahe über die gesamte Wagenlänge erstreckt, bietet der Hühnergruppe einige behagliche Legeplätze inklusive eines breiten Gitters zum komfortablen Einstieg. Während die Damen in der oberen Etage und hinter geschlossenem Vorhang pressen, rollen unten die frischgelegten Eier heraus und sammeln sich auf einem Gitter. Behutsam greift Zerbo nach ihnen und befüllt die mitgebrachten Paletten. „In der Früh sollen die Hühner erst einmal in Ruhe ihre Eier legen“, erklärt er. „Um 10 gehen dann die Klappen automatisch auf und sie können raus.“

Vor allem die ältere Hühnergruppe in Wagen 1 wartet täglich auf diesen Moment. Sobald die Klappen wenigstens zwei Hand breit hochgefahren sind, schlüpfen sie durch die schmale Öffnung und laufen gackernd in alle Richtungen auf die Wiese. Scharren, suchen und fressen. So geht es den ganzen Tag. Das immer frische Gras ist gesundes Futter für die Hühner, das enthaltene Carotin sorgt für einen besonders gelb-orangenen Dotter. Zudem will die wöchentlich neue Umgebung erkundet werden. Vorteil für die Weide: Weil die Hühner immer nur je eine Woche einen Abschnitt „bewohnen“, gibt es keine nackten Erdflächen oder gar tiefe Buddellöcher.

Mehrere Hähne pro Gruppe sorgen für ein ausgeglichenes Herdenklima. „Die schlichten manchmal, wenn sich die Damen streiten“, erzählt Zerbo lachend. Ein gespanntes Tarnnetz bietet Schatten im Freilauf und gleichzeitig Schutz vor Greifvögeln.

Jedes Ei wird gewogen und gestempelt

Die Packstation ist Markus Speisers Reich. Jeden Morgen um 7 Uhr sitzt er für eine Stunde bei Kaffee und Radiomusik in dem kleinen Raum am Hof und sortiert die Eier vom Vortag – nach Größen. Dabei wiegt er jedes Ei einzeln ab. 53 bis 63 Gramm bedeutet Größe „M“, darunter Größe „S“. 63 bis 73 Gramm heißt Größe „L“, darüber Größe „XL“. „Wir haben alle Größen“, sagt Speiser. „Die jüngeren Hennen legen noch kleinere Eier, die älteren größere.“ Zum Verpacken in die bunt gestalteten Eierkartons kommt wiederum Alessandro Zerbo zum Einsatz. „Wenn‘s schnell gehen muss, helfen wir auch mal zusammen“, erklärt der. Montags und freitags ist schließlich Auslieferung.

Die etwa 450 Bio-Eier pro Tag werden nicht ausschließlich ab Hof angeboten. Alessandro Zerbo und Markus Speiser haben im Juni einen neuen Dorfladen in Rettenberg eröffnet. Darin gibt es neben den feinen Bergeiern und Nudeln aus eigener Erzeugung auch andere Produkte, vorwiegend in Bioqualität. Vor der Tür steht ein Eierautomat mit 24-Stunden-Service. Außerdem gibt es die Bergeier beim Bioladen und Unverpackt-Laden in Immenstadt und im Dorfladen Vorderburg.

Das liebevoll von einer befreundeten Künstlerin gestaltete Logo und die bunten Eierschachteln haben einen hohen Wiedererkennungswert. Und auch Online haben Speiser und Zerbo bereits Aufmerksamkeit erregt. Auf Facebook posten die beiden regelmäßig Fotos und Videos ihrer Hühner, geben Einblick in ihre Arbeit und zeigen, was Kunden aus den Bergeiern alles am Herd oder im Ofen zaubern.

Auch der kleine Sohn (8) hilft gerne mit

Die beiden Männer leben zusammen mit ihren Ehefrauen auf dem Hof. Alessandro Zerbo hat außerdem zwei Söhne (5 und 8 Jahre), die gerne bei den Hühnern mithelfen. Vor allem der Große, Mario, kümmert sich um verletzte oder schwache Tiere und pflegt sie auf der „Krankenstation“, wo sie neben den beiden Hasen, dem Meerschweinchen und den Wachteln einen separaten Stall mit Freilauf bekommen.

Vom Hühner-Hobby zum Nebenerwerb

2013 hat Markus Speiser den stillgelegten Betrieb seines Vaters wieder aktiviert. Die verpachteten Flächen bewirtschaftet der Hobby-Landwirt nun selbst und produziert Heu und Grassilage für andere Betriebe. Die Sache mit den Hühnern fing ganz klein an – mit fünf Legehennen verschiedener Rassen. Die Familie wollte lediglich ein paar Eier für sich selbst. Als die meisten Eier für Nachbarn und Bekannte weggingen, stockte Speiser auf – auf zunächst zehn Hennen, später 18. Trotzdem blieben für die Familie am Ende nie genug Eier für sich. Als Markus Speiser und Schwiegersohn Alessandro Zerbo auf die praktischen Mobilställe aufmerksam wurden, zog 2019 die erste Hühnergruppe mit 200 Tieren auf den Hof. Im Frühjahr 2020 kam die zweite dazu.

 


Der Betrieb:

Name: S Bergei
Ort: Rettenberg (Oberallgäu)
Fläche: 6 ha (Grünland)
Besonderheit: Ökologische Hühnerhaltung (480 Stück) im Freiland mit modernen Mobilställen
Wirtschaftsweise: Ökologisch, Nebenerwerb
Arbeitskräfte: 2 
Produkte: Bio-Eier, Nudeln
Vertrieb: Eier-Automat, Ab Hof, Kaufladen Rettenberg, ausgewählter Einzelhandel
Info: https://www.facebook.com/s.Bergei/ 



 

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