Selbstversorgung im Allgäu – im Gespräch mit Herrn Dr. Storl

Ethnologe, Autor und Experte in der Selbstversorgung

Etwas abseits gelegen auf einem Allgäuer Hof lebt Dr. Wolf-Dieter Storl in seinem ganz persönlichen Paradies – seinem Selbstversorger-Garten. In der Vergangenheit hat er viel von der Welt gesehen und erlebt – von den USA, über Indien bis nach Japan. Jetzt ist er glücklich und zufrieden mit seinem Allgäuer Pionierleben und hat hier Wurzeln geschlagen. Die Ruhe auf dem Hof nutzt er, um sein Wissen über essbaren Wildpflanzen, Heilkräuter, natürlichem Gärtnern und Selbstversorgung in Form von zahlreichen Büchern an Interessierte weiter zu geben – mit großem Erfolg. Mit uns hat er über seine persönliche Geschichte, seinen Weg zur Selbstversorgung und seine Liebe zum Allgäu gesprochen:

Was ist ihre persönliche Geschichte Herr Dr. Storl?
Wie kam es genau zu Ihrem besonderen Interesse an dem Prinzip der Selbstversorgung?

Meine Geschichte begann 1942 im Bundesland Sachsen. Ich gehöre also zur sogenannten „Kriegsgeneration“ und bin in der sowjetischen Besatzungszone aufgewachsen. Nach dem Krieg herrschten Hungersnöte auf dem Land, weshalb meine Familie begann Felder zu bebauen, Gemüsepflanzen zu züchten und Wildpflanzen zu sammeln. Z. B. wurde die Laube wo immer gern Kaffee getrunken wurde schnell mal zu einem Hühnerstall umfunktioniert.

Im Alter von 11 Jahren kehrten wir Deutschland dann den Rücken zu und wanderten in das ländliche Ohio in den USA aus. Die kleine Ortschaft, die nun unser Zuhause war, zählte rund 600 Einwohner und war vor allem durch Familienfarmen geprägt, die darauf bedacht waren, sich im großen Rahmen selbst zu versorgen – sie hatten Truthähne, Gemüse, Kühe und Hühner, auch ein Stier war immer mit dabei. Auch meine Freunde waren Kinder von Farmern, so erlebte ich deren Farmleben immer intensiv mit.

Die Landwirtschaft in Ohio endete, wie viele Regionen in den USA, leider in einer „Agrarwüste“: unzählige endlose Maisfelder prägen dort die Landschaft. Massentierhaltung und einfältige Feldbebauung zerstören den wertvollen Boden. Das verursachte ein Umdenken in mir. Ich wollte weg von der Konsumgüterabhängigkeit. Nach langer Beschäftigung mit dem Thema habe ich mehrere Jahre in den Schweiz ein Projekt zum biodynamischen Gemüsebau geleitet und bemerkt, dass es tatsächlich funktioniert: Ein guter Garten resultiert aus einem perfekten Zusammenspiel von Pflanzen und Mensch. Fruchtfolge, Kompostpflege, Pflanzengemeinschaft, Begleitkräuter und auch einen „Wurzelkeller“ hatten wir – das sind alles wichtige Themen. Letztendlich begann so meine Geschichte in der Selbstversorgung.

Sie waren viel auf Reisen, haben viel von der Welt gesehen – bis Sie ins Allgäu gezogen sind. Warum ausgerechnet das Allgäu? Was verbinden Sie mit der Region?

Nun ja, mittlerweile bin ich schon 30 Winter im Allgäu. In die Region verschlagen hat es mich und meine Familie durch eine Reihe von Zufällen – oder auch durch Fügung, wenn man es so nennen will. Dazu muss ich aber etwas weiter ausholen:

Als Ethnologe und Völkerkundler kam ich zu einem Feldforschungsjahr nach Indien. Die Begegnung mit dem Land, den lebensunwürdigen Bedingungen im Ganges-Tal und das Stoßen an meine persönlichen gesundheitlichen Grenzen veränderten meine Sichtweise komplett. Eine innere Stimme sagte mir, ich solle meine Sachen packen und nach Europa gehen - ins Land meiner Vorfahren. Gesagt, getan. Wir kamen zunächst bei Verwandten im Norden Deutschlands unter. Auf einer Jubiläumsveranstaltung eines Verlages in Freiburg traf ich den Allgäuer Maler Manfred Scharp. Er kam auf mich zu und sagte: „Ich weiß, wo du leben sollst!“ Er beschrieb mir einen alten, leerstehenden, abgelegenen Hof der auf 1000 Metern im Allgäu liegt. Genau das Richtige für mich, um in Ruhe meine Bücher zu schreiben, das Pionierleben zu leben – und meiner Lebensaufgabe, der Naturvermittlung, nachgehen zu können.

Mittlerweile ist das Allgäu unsere Heimat. Verbinde ich mich mit den Pflanzen an einem Ort, so verbinde ich mich auch mit der Region. Man könnte auch sagen, dass ich hier meine Wurzeln geschlagen habe. Ich fühle mich daheim angekommen.

Wieso erfahren die Themen Selbstversorgung und Regionalität aktuell so ein großes Interesse? Produkte aus dem eigenen Garten, vom Landwirt um die Ecke oder aus der Region generell werden auch im Allgäu stark nachgefragt. Sehen Sie das als wichtigen, nachhaltigen und auch längerfristigen Trend – vor allem für das Allgäu?

Unsere Lebensmittel werden von internationalen Großkonzernen kontrolliert und „regiert“. Sie entscheiden, welche Lebensmittel zu welchen Preisen und mit welchen Inhaltsstoffen erhältlich sind. In den USA zum Beispiel sind über 80% der Nahrung genverändert. Durch aufgedeckte Lebensmittelskandale sind die Menschen skeptischer geworden und hinterfragen die Herkunft ihrer Nahrung mehr und mehr. Sie wollen genau wissen, was sie zu sich nehmen, wie es verarbeitet wurde und woher es tatsächlich kommt. In Zukunft wird dieser Trend auch für länger bestehen bleiben. Meiner persönlichen Meinung nach sollte jeder wissen, welche Pflanzen allein zwischen der eigenen Haustür und dem Gartentor wachsen.

Regionalität ist für das Allgäu sehr wichtig. Sie kurbelt die lokale Wirtschaft an und unterstützt Familienbetriebe und kleine Unternehmen immens – die stark das Bild des Allgäus auch prägen. Die Verbundenheit zur Natur und Umwelt ist zeitgleich auch die Verbindung zur Region selbst.

Welche besonderen Entwicklungen oder nachhaltigen Veränderungen gibt es aktuell in der Selbstversorgung?

In der Region haben sich mittlerweile viele Initiativen dazu gebildet – ein schöne Entwicklung. Diese sinnvolle Zusammenarbeit zwischen diesen Initiativen ist wichtig und hat Zukunft. Aber allein schon die Zusammenarbeit im Dorf bei uns ist eine tolle Sache. Beim Albabtrieb helfen alle zusammen, die Bio-Jungsochsen werden zurück ins Dorf gebracht – am Ende sitzen dann alle zusammen und essen und feiern gemeinsam.

Welche Fähigkeiten braucht denn ein Selbstversorger? Worauf muss er bzw. sie besonders achten?

Das Projekt Selbstversorgung kann jeder meistern, aber dennoch ist es nicht zu unterschätzen. Es bedarf einem großen Einsatz, dem Willen zur Wissensaneignung und Arbeit – jeder Menge körperlicher, zeitaufwändiger Arbeit.
Steht man mit seinem Projekt noch in den Kinderschuhen, so sollte man langsam starten und Schritt für Schritt vorgehen. Im ersten Jahr gelingt es vielleicht nur ein paar Karotten, Kartoffeln und Beeren anzubauen. Darauf muss man im nächsten Jahr aufbauen und sich weiter informieren. Im nächsten Jahr kann man dann aufstocken und die Produktpalette erweitern – das ist alles ein gewisser Lernprozess mit kleinen, sinnhaften Schritten.

Allerdings sollte man sich nicht unter Druck setzen, sich zu 100% selbst versorgen zu wollen. Auch der Balkon oder ein kleiner Schrebergarten eignen sich: In Japan zum Beispiel hatte jemand einen Garten, der so groß war wie ein Schreibtisch – und steckte sehr viel Liebe und Mühe hinein, das ist das was zählt.

Auch ist kein Jahr wie das Andere. In einem Jahr gibt es Bodenfrost und ein Teil der Gemüsepflanzen gehen ein. Im nächsten Jahr hat man einen Überschuss an Radieschen. Den Überschuss schenke ich einem benachbarten Bauer und dieser bringt mir dafür seine überschüssige Milch, bei jemand anderen bekomme ich dafür Honig. Was ich damit sagen will – es muss nicht alles sofort gelingen. Die Natur ist keine Maschine und unberechenbar. Aber diese Unberechenbarkeit schafft vor allem eines: Gemeinschaft!

Zu guter letzt: Was ist ihr ganz besonderes Ritual, wenn sie am Morgen den Garten betreten?

Zunächst einmal: die frische, reine Luft einatmen und einfach genießen – ich finde, jeder sollte sich mit einem eigenen Garten beschäftigen. Mein erster Gedanke ist immer, wie harmonisch alles zusammen passt. Mit seinen Händen etwas zu schaffen, etwas aufzubauen, salbt die Seele und man badet in „Wonne“, wenn einem der Garten eine reiche Ernte schenkt. Natürlich ist es viel Arbeit, vor allem im Frühjahr, wenn ich jedes Beet von Hand umgrabe, aber dennoch beende ich jeden meiner Tage zufrieden und stolz – und freue mich auf die nächsten 30 Winter.

Mehr Informationen finden Sie hier: https://www.storl.de/