Vom Suchen und Finden: regionale Wildkräuter

Zu Besuch bei der Fachausbildung "Selbstversorgung" des Allgäuer Kräuterland e.V.

Schmecken, riechen, fühlen und ein scharfes Auge muss man haben – wenn es um regionale Wildkräuter geht, ist ganzer „Sinneseinsatz“ gefragt. Verschiedene Kräuter richtig bestimmen, voneinander unterscheiden und bewusst sammeln, das sind wichtige Handfertigkeiten, um heimische Kräuter für sich selbst nutzen zu können. Wir waren zu Gast bei der Fachausbildung „Selbstversorgung“ des Allgäuer Kräuterlandes: Dieses Mal standen essbare Wildpflanzen des Frühlings auf dem Tagesplan.

15 Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind im aktuellen Kurs der „Akademie für Traditionelles KräuterWissen“ mit dabei, die von der Vorsitzenden Gerti Epple vor fünf Jahren ins Leben gerufen wurde. Dabei stammen sie nicht nur aus dem Allgäu, auch Männer und Frauen von der schwäbischen Alb, aus Ulm, dem Ries, München sowie der Schweiz und Österreich lernen hier, wie man sich mit eigenen regionalen Produkten versorgt. Am Vormittag wurde bereits fleißig frisches Brot gebacken, am Abend steht das gemeinsame Kochen mit Wildkräutern an – bis es jedoch soweit ist, gibt Herr Dr. Schneider, Biologe und Zoologe aus Wertach, einen Einblick in die grüne Welt der heimischen Kräuter.

Vor allem die Bestimmung verschiedener (verzehrbarer) Arten, die Unterscheidung zu „Doppelgängern“ und auch das Wissen, welche Arten besonders geschützt sind, stehen im Mittelpunkt für den Referenten. Häufig sind auch Alter der Pflanze oder das Maß des Konsums wichtige Faktoren, die es zu beachten gilt. Auch die richtige Form des Verzehrs will gelernt sein. Und wo lernt man das besser, als vor der eigenen Haustüre? Im Rahmen einer „Kräuterwanderung“ erkunden wir unterschiedliche Lebensräume und werden feinfühliger, was die genaue Standortbewertung betrifft.

Lebensraum Wiese

Auf einer angrenzenden Wiese werden wir gleich fündig: Scharbockskraut, Frauenmantel und Spitzwegerich. Hahnenfußgewächse dienten früher als eine der ersten Vitamin C- Quellen. Frauenmantel eignet sich im Rahmen der Frauenheilkunde sehr gut als entkrampfender Tee und Spitzwegerich hilft bei Insektenstichen oder kleineren Hautreizungen.

Auch uns im Alltag bekanntere Pflanzen sind für die Weiterverarbeitung interessanter als gedacht: Die Brennessel wurde aufgrund ihrer sehr starken Fasern früher auch zur Seilherstellung verwendet. Brennesselsalat oder –tee sind mittlerweile bekannte Verarbeitungsformen, vor allem wegen seiner entschlackenden Wirkung. Ebenso der Löwenzahn, der häufig gemeinsam mit dem Hahnenfuß auf intensiv genutzten Flächen vorkommt, wird für Tee verwendet – aufgrund seiner zahlreichen Nährstoffe wird er auch häufig als „Superfood“ klassifiziert.

Doch längst nicht jedes Kraut darf, trotz Bekömmlichkeit, für den Eigenbedarf gesammelt werden. Die gewöhnliche Schlüsselblume ist z. B. eine besonders geschützte Pflanzenart. Wilde Populationen dürfen gemäß der Bundesartenschutzverordnung überhaupt nicht gesammelt werden.

Lebensraum Wegrand

Viele Kräuter besitzen auch ätherische Öle, allen voran die Gattung der Lippenblütler. Hierzu zählen z.B. auch Minze und Salbei. Dabei dienen die Öle weniger aufgrund ihres anregenden Geruchs, vielmehr nutzt die Pflanze sie z.B. für die eigene Abkühlung. Daher ist der Ölgehalt meist am Nachmittag am höchsten – und somit für Sammler kurz vor dieser Tageszeit am interessantesten. Der Goldfelberich beispielsweise, der meist auf Böschungen vorkommt, bietet der Biene Öl statt Nektar an. Der Giersch aus der Familie der Doldenblütler besitzt ebenfalls fruchtig-würzig riechende Öle. Es gibt jedoch einige giftige Arten, sodass nur erfahrene Sammler sich auf die Suche nach dem richtigen Kraut machen sollten. Das echte Labkraut lässt den ein oder anderen sofort an Käse denken – zu recht. Denn früher wurden Labkräuter für die Herstellung von Käse verwendet, da sie dasselbe Enzym besitzen wie es aus den Mägen von Kälbern gewonnen wurde.

Auch das Mädesüß kreuzt unsere Wanderung, die langsam ihr Ende findet. Die Stoffe der Pflanze lindern beispielsweise Erkältungsymptome und oftmals mirgräneartige Kopfschmerzen, ähnlich wie die Rinde der Weide. Früher wurde das Kraut auch für die Metherstellung verwendet.

Lebensraum Wald

Bärlauch hat so den ein oder anderen nicht bekömmlichen Doppelgänger. Das Maiglöckchen beispielsweise oder auch Herbstzeitlose – richtiges Sammeln will daher gelernt sein! Wir erfahren, welche äußerlichen Unterschiede sich recht leicht erkennen lassen. Freunde von Kreuzblütlern finden in der Brunnenkresse eine gute Alternative. Dieses nicht immer leicht zu findende Kraut schmeckt scharf und wirkt antibakteriell.

Es gibt ca. ein Dutzend giftige Kräuter im Allgäu, daher sollte man sich im Rahmen einer Kräuterführung umfassend über Wildkräuter und deren Weiterverarbeitung informieren.

Die Fachausbildung

Die Selbstversorgung mit heimischen, wilden und kultivierten Lebensmitteln ist das Ziel der Fachausbildung Selbstversorgung, die der Allgäuer Kräuterland e.V. jahresbegleitend anbietet. Insgesamt sieben Module beinhaltet die Ausbildung: z.B. von der eigenen Gartenplanung, der Gemüseanzucht, der Tierhaltung über die eigene Kräuterhausapotheke, der Anlegung von Vorräten bis hin zur Destillation und Mosterei – es werden viele spannende Einblicke in verschiedene Themen gegeben. Dabei sind die Module auch einzeln buchbar.

Die Veranstaltungen finden von Freitagabend bis Sonntagnachmittag in der Akademie für Traditionelles KräuterWissen in Weitnau statt. Weitere Informationen findet man hier.

 

5 Tipps für Frischlinge in der Selbstversorgung

Andi Haller besitzt seit einigen Jahren einen Selbstversorgergarten im Kleinwalsertal. Für uns hat er ein paar Tipps zusammengetragen, die für Neulinge in der Selbstversorgung – oder die, die es werden wollen – hilfreich sind.

Tipp 1: Ganz wichtig: Das Thema Mulchen.

"Die Natur kennt keinen offenen Boden". Durch das Mulchen verdunstet wesentlich weniger Bodenfeuchtigkeit und es muss weniger bzw. gar nicht mehr gegossen werden. Außerdem wird das Bodenleben gefördert und gefüttert. Gemulcht wird beispielsweise mit Rasenschnitt, Heu, Laub oder Stroh. Eine Alternative können auch Bodendeckerpflanzen sein. In jedem Fall muss man darauf achten, dass die Beetoberfläche über das ganze Jahr abgedeckt ist – außer natürlich im Frühjahr, damit sich der Boden rasch erwärmen kann.

Tipp 2: Das Mikroklima im Nutzgarten fördern.

Durch das Anlegen eines Teiches oder dem Verbauen von Steinen als gestalterische Elemente, können diese unter Tags die Sonnenwärme einfangen und geben diese langsam an ihre Umgebung wieder ab. Damit kann kühlen Nächten entgegengewirkt werden. Besonders im alpinen Raum nehmen Pflanzen diese Maßnahmen sehr dankbar an.

Tipp 3: Den Nutzen und Aufwand gegenüberstellen. 

Durch eine bewusste Pflanzenauswahl kann der Aufwand mittel- und langfristig sehr niedrig gehalten werden. Das große Stichwort sind hier mehrjährige Gemüsepflanzen wie z.B. Blutampfer, wilde Rauke, Etagenzwiebel, grüner Spargel oder Topinambur. Im Gegensatz zu Kulturgemüse, was eine jährliche Neupflanzung erfordert, empfehlen sich mehrjährige Pflanzen für einen gewissen Teil des Gartens. Sie nehmen minimalen Aufwand in Anspruch, bringen allerdings einen sehr hohen Nutzen und Ertrag für alle Gartenfreunde.

Tipp 4: Die Artenvielfalt im Garten unterstützen. 

Die meisten Gärten sind zu steril und dadurch auch kein attraktiver Lebensraum für Nützlinge. Durch beispielsweise Stein-, Laub-, Altholzhäufen entstehen genau diese wichtigen Lebensräume für  Igel, Ringelnatter, Eidechse und Co. Diese kleinen Gartenhelfer verhelfen langfristig zu einem besseren Erfolg und unterstützen ein ökologisches Gleichgewicht im Garten.

Tipp 5: Alternative Kompostvarianten ausprobieren.

Ob Bokashi, Terra Preta, Flächenkompostierung oder Mulchen. All diese Kompostvarianten sind förderlich, um ein vitales und aktives Bodenleben zu fördern. Versuche mit Terra Preta haben gezeigt, dass Ertragssteigerungen von sogar bis zu 400% möglich sind. Die sogenannte Bokashi-Variante kann dabei helfen, sich die Biotonne zu sparen - da auch gekochte Essens- und Fleischreste in kürzester Zeit erfolgreich zum „Superhumus“ werden. Humusaufbau ist mit Sicherheit eine der wichtigsten Arbeiten im Garten, die noch deutlich mehr Aufmerksamkeit verdient.

Weitere Infos zu Andi und seinem Selbstversorgungsgarten findet man unter www.narandi.com.