Cowlick Games

Game-Studio

Wenn man langwierige Entwicklungszeiten, eine karge Einkommenssituation und mehrfache Arbeitsbelastung in Kauf nimmt, braucht man eine Vision, wie die Gründerinnen von Cowlick Games, die im Allgäu eine Lanze für die Gaming-Branche brechen wollen.

„Wenn nicht jetzt, wann dann?“

Da sind sich Jessica Anders und Janine Scheiterbauer einig. Wenn man einen gewissen Lebensstandard gewöhnt ist, fällt es einem schwerer, alles auf eine Karte zu setzen. „Jetzt ist die Wohnung noch klein und ich komme überall zu Fuß hin“, sagt Scheiterbauer halb im Spaß. „Und die Prioritäten ändern sich im Laufe des Lebens auch immer mal,“ ergänzt Anders.

Beiden ist schon früh klar, dass Gaming ihr Thema ist. Scheiterbauer kommt aus der Nähe von Kempten, absolviert in Kempten ihren Bachelor Informatik mit Vertiefung Game Engineering.  „Das klang einfach cool. Nach meinem Praxissemester in einer Spielefirma in München war klar: Das ist die Branche, in die ich will.“ Während dem Studium verfestigt sich der Gedanke weiter. Sie will, „was Eigenes machen, für die eigenen Sachen einstehen“.

Anders begegnet dem Studiengang Game Engineering auf der Gamescom in Köln, der weltgrößten Messe für digitale Spielekultur. Sie kommt aus dem Fichtelgebirge und will beruflich in Richtung Animationen gehen und erkennt schnell die Möglichkeiten: „Bei Computerspielen geht noch viel mehr.“ Die beiden wissen, das ist eine der großen Wachstumsbranchen. Gaming hat Filme und Musik in Bezug auf Umsatzzahlen in Deutschland spätestens 2017 überholt*. 2019 war laut der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) knapp jeder zweite in Deutschland ein Gamer*.

Mit einem Studiengang will die Hochschule Kempten dem Thema im Allgäu Raum geben, aber dafür braucht es neben Studenten auch die Arbeitsplätze der Zukunft. Statt sich gegenseitig Konkurrenz zu machen, entscheiden sie 2015, gemeinsame Sache zu machen. Mit einer Designerin und einer weiteren Partnerin für Quality Assurance machen sie zu viert Nägel mit Köpfen und schaffen sich ihr unabhängiges Entwicklerstudio selbst.

„Unser Spiel soll unterhalten – Quick & Dirty.“

Das bringt das Spielkonzept auf den Punkt: Kurze Spielsequenzen von etwa 5 Minuten wie bei einem Kartenspiel mit Fokus auf den Wettbewerb zwischen zwei Teams. Das Ganze online auf einer Spiele-Plattform und mit wechselnden Mitspielern.

Die Besonderheit und der Reiz des ansprechenden Online-Multiplayer-Game in einem vermeintlich bekannten Terrain – Staub-Sauger gegen Staub-Fussel – liegt in den unterschiedlichen Spielmodi: Die anfangs dominanten Staubsauger versuchen die Fussel einzusaugen, die Staubfussel können durch herumrollen größer werden und dadurch den Staubsauger außer Gefecht setzen. Alles innerhalb eines Zeitlimits.

Im Spieldesign und vor allem der Entwicklung von Online-Multiplayern weiß man vorher meist nicht genau, wie das fertige Spiel ausschauen wird. Schon die Idee eines fertigen Spiels ist in diesem Umfeld irreführend. Features werden hinzugefügt oder weggelassen, ausgebaut oder reduziert, je nachdem was bei der Community ankommt und das Spiel langfristig interessant macht. Ist es erstmal bekannt und beliebt, steigt die Herausforderung nur weiter, denn dann kommt die Konkurrenz ins Spiel. „Die Zusammenarbeit mit der Community ist wichtig und deswegen wollen wir sie entsprechend früh an Bord holen,“ plant Anders und Scheiterbauer freut sich, bereits „an die Leute ranzugehen, kräftig Feedback zu sammeln und das Spiel im Idealfall mit der Community wachsen zu lassen“.

„Bei Online-Games liegt der Reiz in der Nuance,“ erklärt Scheiterbauer. „Wenn der Aufhänger passt, dann wird das immer wieder gespielt.“ Durch die unterschiedlichen Spielarten als Staubsauger und Fussel wollen sie die Abwechslung zudem höher halten, als es bei Online-Games der Fall ist, bei denen sich die gegnerischen Teams vorrangig nur durch eine farbliche Kennzeichnung - und weniger durch verschiedene Spielmechaniken voneinander abheben - unterscheiden. Damit das Spiel bald für eine ausgewählte Tester Gruppe über Spieleplattformen wie Steam verfügbar sein kann (Early Access), beschränken sie sich in dieser Phase auf eine einzelne Map, in der später mit einer kleinen Auswahl an Charakteren gegeneinander gespielt wird.

Bis dahin heißt es, die Motivation durch gegenseitige Unterstützung, durch den Freundeskreis und die Community Gleichgesinnter aufrecht zu erhalten.

Für Gaming braucht es einen langen Atem

Die Spannung aufrecht zu halten, ist nicht nur eine Herausforderung, um die User bei der Stange zu halten, sondern auch in der Entwicklung selbst. Große Spieleunternehmen arbeiten zum Teil mehrere Jahre mit hunderten Mitarbeitern an einem Game. Cowlick Games hat begrenzte Ressourcen, aber die setzen sie beherzt ein: "Es geht zwar nur um Staub, aber wir setzen alles daran, dass es ein ansehnlicher Staub wird.“

Cowlick Games ist sich der Schwierigkeiten der Branche und auch ihrer Sonderstellung im Gründerzentrum bewusst. Wenn die anderen nach Hause gehen, kommen sie erst oder sie arbeiten die ganze Nacht oder das Wochenende zuhause durch. „Daher der Name Cowlick Games. Der cowlick (engl.) ist der prägnante Haarwirbel und nach so einer Nachtsession schauen unsere Haare auch mal dementsprechend aus.“ Sie vermarkten an den Gamer, also den Endverbraucher. Ein wichtiger Aspekt ist dabei die so genannten In-Game-Zahlung bei denen mit Geld besondere Funktionen oder Möglichkeiten freischaltbar sind und das Spiel reizvoller machen können. Sie rechnen daher mit anderen Vorläufen und müssen größere Kunden-Zahlen begeistern als viele B-2-B-Startups. Deren Geschäftsmodell basiert auf dem Verkauf an andere Unternehmen. Die finanzielle Decke ist hier mit wenigen Vertragspartnern zumindest kurzfristig geschaffen und Entwicklungen und Projektarbeit starten oft erst nach dem Vertragsabschluss.

Es hilft, dass die so genannten Game-Engines, mit denen sich Spiele schneller und mit weniger Aufwand entwickeln lassen, für junge Entwickler erst einmal kostenlos nutzbar sind und Lizenzgebühren erst fällig werden, wenn das Spiel Einnahmen erzielt. So haben sie momentan keine hohen Investitionskosten, Kredite sind für sie ohne entsprechende Sicherheiten ohnehin keine Option.

Viele Tipps von außen einholen, dabei eigene Meinung behalten und flexibel ändern, was nötig ist.

So kann man die Herangehensweise von Anders und Scheiterbauer beschreiben. 2017 startete das Gründerzentrum von Allgäu Digital. Da wollen sie dabei sein, bewerben sich und ziehen direkt ein. Sie nutzen die Zeit und holen sich so viele Informationen wie möglich – über das Gründen an sich, Rechtsformen, Hürden und Tricks für Unternehmer. Schon vorher waren sie gut vernetzt in der Gaming-Startup-Szene und der Indie-Gaming-Branche, vor allem in München und Köln. 2016 werden sie zum Deutschen Entwicklerpreis mit 3-tägigem Seminar eingeladen. Auch hier stellen sie jede Menge Fragen und lernen von erfolgreichen und gescheiterten Projekten. Vor allem das Branchen-Feedback ist wichtig, um nicht am Markt vorbei zu entwickeln.

2018 fällt ihnen auf, dass sie selbst, wie viele andere, nur noch Online-Multiplayer-Games spielen und ändern ihr ursprüngliches Offline-Spielkonzept entsprechend. „Wir waren froh, dass der Wechsel ohne Probleme ging. Die Firma blieb ja die Gleiche, nur das Spielkonzept war anders.“

Sie haben die ganzen zwei Jahre im Gründerzentrum ausgeschöpft, ein fertiges Produkt gibt es nach dieser Zeit natürlich noch nicht. Ihr Traum ist es, 2020 den Early Access zu ermöglichen. Schwierig ist es vor allem, immer die Zeit für das Projekt zu finden. Anders macht noch ihren Master in Kempten, Scheiterbauer ist an der Hochschule eingeschrieben und Mitarbeiterin für das dortige Zentrum für Computerspiele-Entwicklung und Simulation. Beide jobben zudem, um sich zu finanzieren.

Die Gaming-Branche findet vor allem woanders statt, aber mit der Hochschule verbinden die beiden die Hoffnung, dass sich mittelfristig Computerspiele-Unternehmen hier ansiedeln oder hier neu entstehen. „Das Thema ist noch sehr untypisch im Allgäu, die Leute hier sind neugierig, aber noch sehr mit Zurückhaltung“, beschreibt Scheiterbauer die Lage, doch beide sind sich einig: „Gaming ist eine schnelle Branche. Wer weiß, was morgen ist.“

Keyfacts zu Cowlick Games: 

Branche: Gaming-Branche

Gründungsjahr: t.b.a

Kontakt: info@cowlick-games.dewww.cowlick-games.de/index

Erscheinungstermin: 06/2020

Autor
Kommunikation & Messaging für neue Vorhaben, © Ronja Hartmann

Ronja Hartmann

Ronja Hartmann Communications

Lotsin im medialen Überangebot. Tech Geek mit Hang zur Kunst. Unterwegs, damit sich Unternehmen grundlegend anders vermarkten. 

Für Allgäu Digital porträtiere ich die Start-Ups im Projekt.

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