Das Leasingmodell vom Allgäuer Weideschwein

Bei Leasing denkt man nicht sofort an Regionale Lebensmittel. Dass das aber funktioniert, zeigt ein besonderes Konzept im Ostallgäu. Hier lassen sich beim „Allgäuer Weideschwein“ Turopolje-Schweine in Freilandhaltung finden. Wer das Fleisch beziehen will, der schließt einen Leasing-Vertrag für ein Tier.

Guten Gewissens genießen – das will doch jeder von uns. Bei Schweinefleisch ist das oft nicht ganz leicht. Undurchsichtige Herkunftsangaben, wenig transparente Qualitätsversprechen und Bilder von fragwürdigen Haltungsformen in den Medien haben uns unsicher gemacht. Ganz verzichten müssen wir deshalb aber nicht. In der Region gibt es Alternativen. Peter Sigl aus Aitrang bietet so eine. Auf seinem Hof ein Stück außerhalb des Ortes hält er Schweine der Rasse Turopolje – im Freiland. Die robusten Tiere liefern ein besonders dunkles und fein-marmoriertes Fleisch. Wer es kosten will, der erlebt das besondere Konzept dahinter – und schließt einen Leasing-Vertrag für eine Sau.

Zucht-Eber sorgt für regelmäßigen Nachwuchs

Roberto ist ein Macho. Wenn er Damenbesuch hat, ist er anfangs aufmerksam und neugierig. Das Interesse flacht allerdings schnell ab. Dann beansprucht er sein Schlafgemach, die Sonnenterrasse und das Schlammloch wieder für sich. Der zottelige Eber stellt gerne klar, wer hier der Boss ist. Auch Peter Sigl steigt vorsichtshalber mit einem Besen in der Hand zu ihm hinein. „Wenn er schlecht drauf ist, halte ich ihn lieber auf Distanz.“ Roberto weiß offenbar, was er seinem Halter wert ist. Der reinrassige Turopolje-Eber, von denen es zu wenige gibt, sorgt auf dem Sigl-Hof für regelmäßigen Nachwuchs.

Roberto im ersten Gehege des Stallgebäudes bildet zusammen mit einigen Hühnern, die auf dem Misthaufen neben der Auffahrt herumkratzen, das Empfangskomitee der Ranch. Der Hof liegt außerhalb von Aitrang in Alleinlage, umrahmt von Wiesen mit und ohne Vieh, von Ackerflächen und einem kleinen Waldstück. Per Erbpacht kam Sigl vor einigen Jahren zu dem idyllischen Hof. Er selbst wohnt mit der Familie im Ort.

So funktioniert das Leasing-Modell

„Im Schnitt gibt es sieben Ferkel pro Wurf“, erklärt Sigl. Diese bietet er dann zum Verkauf an. Das Modell funktioniert so: Der Kunde kauft ein Ferkel für einen bestimmten Festpreis. Zusätzlich geht er einen „Schweine-Leasing-Vertrag“ ein. Gegen eine monatliche Gebühr übernimmt Sigl dann die Pflege und Fütterung der Tiere. „Das ist quasi wie eine Lohnmast“, beschreibt er das Vorgehen. Nach einem guten Jahr sind die Schweine mit etwa 100 Kilo schlachtreif und werden zum Metzger in den übernächsten Ort gefahren. Schließlich erhält der Kunde ein umfangreiches Fleischpaket. „From nose to tail“, lautet der Ansatz, den Sigl und sein Schlachter hier verfolgen. Möglichst alle Stücke vom Schwein sollen verwertet werden, um dem Tod des Tieres maximalen Sinn zu geben. 

Wichtig ist dem Ostallgäuer, dass die Interessenten vorab zu ihm auf den Hof kommen. Er wolle seinen Kunden nicht einfach nur Fleisch anbieten. „Die Leute sollen sich mit dem Thema beschäftigen. Deswegen beziehe ich sie mit ein.“ Sobald eine Sau geworfen hat, lädt er potenzielle Käufer auf seiner Warteliste nach Aitrang ein und jeder darf sich sein Ferkel aussuchen. Bei einer Tasse Kaffee vor dem Haus wird der Vertrag geschlossen, zuvor besichtigt Sigl mit seinen Gästen den Betrieb und erklärt die besondere Haltungsform.

Die Schweine haben insgesamt vier Bereiche zur Verfügung

Über die Jahre hat Sigl den Stall immer mehr an die Bedürfnisse seiner Tiere angepasst. Und ihn gleichzeitig für sich und Frau Silke weniger umständlich in der Bewirtschaftung gestaltet. Herausgekommen ist ein Lebensraum mit vier verschiedenen Bereichen für die Tiere: Der Stall ist dick mit Stroh eingestreut, vorne am Gitter ist der Fressbereich, weiter hinten können sich die Schweine zum Schlafen niederlassen. Die Luken nach draußen sind immer geöffnet.

Hindurch gelangen die Schweine zuerst auf ihre befestigte Terrasse, von der sie dann auf die aktuelle Weide flitzen können. „Hier zäune ich regelmäßig um, damit die Schweine immer wieder eine frische Fläche vorfinden“, erklärt Sigl. Das sogenannte Wechselweiden-Konzept hilft den Wiesen sich zu regenerieren, gleichzeitig sorgt es dafür, dass den Schweinen nicht so schnell langweilig wird und sie immer Neues erkunden können. Um die Freiläufe herum, hat Sigl einen dicken Streifen Grün für seine Schafe eingezäunt. Auf diese Weise kommen seine Sauen nicht mit Wildtieren in Berührung – eine der Auflagen für Schweinehalter von Seiten des Veterinäramtes.

Wechselweiden sorgen für immer frischen Auslauf

Sigl steht am Zaun und beobachtet die Gruppe mit den kleinsten Ferkeln. Sie sind jetzt drei Monate alt, die ersten zwei haben sie noch bei der Muttersau verbracht. Dann wurden die männlichen Ferkel unter Narkose vom Tierarzt kastriert und die Gruppe ist gemeinsam auf die andere Seite des Zauns gezogen. Die Sonne blinzelt durch die Wolken, es ist schon einige Tage trocken. Die gescheckten Schweinchen mit dem lockigen Fell tippeln über die braune Fläche. Den Ringelschwanz in die Höhe gestreckt, stecken sie mit dem Rüssel tief in die Erde. „Die graben dir alles um“, sagt Sigl lachend. Vereinzelte Pflanzen leuchten grün, die schmecken den Schweinen wohl nicht. „Nächste Woche lasse ich sie auf die andere Weide“, erklärt der Allgäuer und deutet auf angrenzende Grünflächen. „Dann säe ich hier wieder neu an.“

Die Ferkel werden je nach Wurf bzw. Jahrgang gehalten. Es gibt also mehrere Gruppen, die sich einen Stallbereich mit Auslauf und Weide teilen. Die Muttersauen und Eber Roberto leben jeweils in eigenen, angrenzenden Abteilen. Gefüttert wird mit frischem Gemüse vom Bauern aus der Region. „Hier bekomme ich regelmäßig Ausschussware“, erklärt Sigl. Krumme Karotten, runzligen Kohlrabi und Mini-Kartoffeln. Außerdem baut er eigenes Bio-Getreide an – Weizen, Mais und Triticale, die zu einem Schrotgemenge verarbeitet werden. „Davon gibt es jeden Tag pro Rüssel etwa eine Hand voll.“ Hinzu kommen Gras und Heu.

Besondere Rasse liefert besonderes Fleisch

„Mein Ziel ist ein schönes, festes Fleisch mit intramuskulärem Fett“, erklärt Sigl. Das erreiche er nur mit langsamem Wachstum und gemäßigter Zunahme. Sonst würden die Tiere schnell „nur“ fett. Dabei sei ihr Fleisch etwas ganz Besonderes, verrät der Tierhalter. „Die Unterschale ist rot, nicht rosa. Das ist eine ganz andere Art von Schwein.“ Das Fleisch ist reich an Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren, sehr aromatisch zergehe bei richtiger Zubereitung auf der Zunge.

Peter Sigl steigt über den Zaun und macht ein paar Schritte im Freilauf. Jeden Morgen kommt der Bauingenieur oder seine Ehefrau Silke her, kontrollieren die Zäune und füttern die Tiere. „Ich genieße das. Die Tiere machen mir richtig Spaß. Je länger ich mich mit ihnen beschäftige, desto faszinierender finde ich sie“, sagt Sigl. Zu beobachten, wie eine Sau allein mit ihrem Maul und ihrem Geruchssinn ein einzelnes Maiskorn aus der furchigen Erde wühlt – „irre!“, findet Sigl.  

Die Schlachtung muss von Anfang an Thema sein

Auch seine Kunden kommen vorbei und besuchen ihr Ferkel. Manche öfter, mache weniger oft. Dann staunen sie, wie groß es geworden ist, erzählt Sigl, sie vergeben Namen und machen Fotos. „Wir sprechen aber auch über Fütterung und Pflege. Die Leute sollen sich selbst einigermaßen auskennen.“ Auch wenn mal ein Tier krank werden sollte, bezieht Sigl die „Besitzer“ mit ein und lässt sie über die Behandlung entscheiden. Außerdem thematisiert er bereits beim ersten Kontakt die Schlachtung und zählt die Fleisch- und Wurstprodukte auf, aus denen die Kunden für ihr Paket wählen können. „Es muss von Anfang an klar sein, dass es sich um Lebensmittelerzeugung handelt. Nicht um einen Streichelzoo.“

Der Schweinehalter stapft einmal quer über den Freilauf, die Ferkel beobachten ihn ständig, während sie ein paar Meter entfernt weiter in der Erde buddeln. Jetzt betritt Sigl das Reich der neuen Muttersau, die sogleich auf ihn zu trottet. Auch sie war kürzlich auf Besuch in Robertos Suite. Exakt drei Monate, drei Wochen und drei Tage trägt eine Sau. Ein Phänomen, findet Sigl. Er streckt die Hand aus und streichelt der hochträchtigen Sau über den Kopf und die Hängeohren. Einen kurzen Augenblick später, lässt sich die locker 150 Kilo schwere Sau in die staubige Erde fallen. Sie rollt sich auf die Seite und legt den Kopf nieder. Kräftig krault Sigl ihren Rücken und tätschelt sanft den prallen Ferkel-Bauch. In drei oder vier Wochen ist es soweit. Ein kräftiger Wurf kommt zur Welt – und die Ferkel beginnen ein artgerechtes Leben mit Strohhöhle, Sonnenterrasse und Schlammloch.

Genau so hat sich Sigl seinen Betrieb gewünscht, als er vor sieben Jahren die ersten Schweine zu sich holte. Damals wollte er eigentlich nur für sich und für den Familien- und Bekanntenkreis züchten. Als die Nachfrage kurzfristig explodierte, entwickelte er sein Leasing-Modell und stockte die Herde auf. Heute kann er nicht nur sich, sondern auch den Menschen in der Region den Genuss von Schweinefleisch bei gutem Gewissen ermöglichen.

 


Der Betrieb: 

Name: Allgäuer Weideschwein
Ort: Aitrang (Ostallgäu)
Fläche: 12 ha (hauptsächlich Grünland und Ackerbau)
Besonderheit: Artgerechte Aufzucht von Bio-Weideschweinen der Rasse Turopolje und Vermarktung mit Leasing-Modell
Wirtschaftsweise: Biologisch, Nebenerwerb
Arbeitskräfte: 2 Familienarbeitskräfte, Hobby
Produkte: Fleisch- und Wurstpakete vom Turopolje-Schwein („from Nose to Tail“)
Vertrieb: Leasing-Modell: Einmaliger Ferkelkauf zzgl. monatlicher Pauschale für die Mast zzgl. Schlachtkosten
Info: www.allgaeuer-weideschwein.de


 

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