Die Allgäuer Alpwirtschaft

Die Allgäuer Alpwirtschaft prägt das Allgäu und seine Kulturlandschaft schon seit Jahrhunderten. Begriffe wie „Viehscheid“, „Kranzrind“, „Sennalpe“ oder „Schumpen“ sind im Sprachgebrauch alltäglich. Doch was steckt eigentlich dahinter? Die Allgäuer Alpwirtschaft ist heute nicht „nur“ Tradition und Kulturerbe, sondern trägt auch in vielerlei Hinsicht zur regionalen Wirtschaft bei. 

Aber was ist eigentlich eine Alpe?

Alpen sind landwirtschaftliche und selbstständige „Sömmerungsbetriebe“, die eine saisonale Bewirtschaftung im alpinen Berggebiet betreiben. Sie bewirtschaften hier Flächen oberhalb von ganzjährig bewohnten Siedlungen, die nur durch die Weidewirtschaft sinnvoll nutzbar sind. Sie stehen mit den landwirtschaftlichen Betrieben im Tal über das Vieh und die Arbeitskräfte in einem funktionalen Zusammenhang.

„Alpe“ oder „Alm“? Eine Frage, die sich jeder Neu-Allgäuer oder jede Neu-Allgäuerin stellt: Alpe? Das heißt doch Alm? Im Prinzip meinen die Begriffe dasselbe – aber „Obacht!“ Im Allgäu verwendet man wirklich den Begriff Alpe. Warum? Das Wort „alpe“ kommt vermutlich aus dem Keltischen. Die Römer nannten das Gebirge „alpes“, woraus im Mittelalter „alpun“ oder „alpi“ wurde. Im alemannischen Siedlungsraum, also auch in der Schweiz und im Allgäu, hat sich das Wort  „Alp“, was so viel bedeutet wie „Bergweide“ erhalten.

Im bayerisch-tirolerischen Dialekt hingegen, also im altbaierischen Gebiet rechts des Lechs, hieß es zunächst „albn“, wobei das b und n beim Sprechen zu einem „m“ wurden - woraus schließlich das Wort “Alm” entstand. So sind die Begriffe „Alpe“ und „Alm“ letztendlich Synonyme, die je nach Region aber unterschiedlich verwendet werden.

Alpen können unterschiedlich kategorisiert werden. Beispielsweise nach Höhenlage. Hier kann man zwischen Landalpen (bis 1100 m, circa 120 Weidetage), Mittelalpen (ca. 100 Weidetage) oder Hochalpen (ab 1400 m, ca. 80 Weidetage) unterscheiden.

Auch die Unterscheidung nach Besitzverhältnissen ist möglich: Alpen können privat, gemeinschaftlich, staatlich oder als Genossenschaft organisiert sein. Im Allgäu werden die  meisten Alpen privat betrieben.

Geschichte der Alpwirtschaft

Der Aufschwung der Alpwirtschaft begann Anfang des 19. Jahrhunderts durch die Einführung der Käseherstellung. Damals wurden zahlreiche „Galtalpen“ (Alpen, die mit Jungvieh und anderen Tierarten „bestoßen“ sind, die keine Milch geben) in „Sennalpen“ umgewandelt. Um 1890 ging die Alpsennerei jedoch stark zurück und die Käseproduktion wurde mehr und mehr ins Tal verlagert. Durch starke Initiativen, wie durch die Gründung des Alpwirtschaftlichen Vereins im Allgäu e.V. (AVA), konnte die Alpwirtschaft jedoch wieder gestärkt werden, sodass heute ca. 690 Alpen im Allgäu betrieben werden. Im Jahr 1911 waren es noch 364 Alpen.

Während in früheren Jahrhunderten die Versorgung- und Produktion im Vordergrund stand, erfüllt die Alpwirtschaft heute eine Vielzahl von Leistungen. Durch die Nutzung der Steillagen trägt die Alpwirtschaft nachhaltig zum Erhalt der Kulturlandschaft bei. Gleichzeitig dient diese Form der Tierhaltung auch dem Erhalt der bestehenden Natur: Denn auf Alpweiden wachsen 10 mal so viele Blütenpflanzen wie im Tal. Daraus resultieren die artenreichsten landwirtschaftlich genutzten Flächen, die es überhaupt gibt. Durch die Alpen werden auch Schneehühner, Murmeltiere, Gemsen und viele andere wildlebende Tierarten erhalten. Diese Kulturlandschaft mit ihrem Blütenreichtum, den Weidetieren und der gelebten Traditionen ist wiederum Voraussetzung für den Tourismus.

Die Alpe aus wirtschaftlicher Perspektive

Die Alpwirtschaft ist für den Tourismus im Allgäu eine tragende Säule. Sie vermittelt Authentizität, Heimat und Ursprünglichkeit - nicht umsonst ist die Alpwirtschaft rund um Bad Hindelang im bayerischen Verzeichnis für immaterielles Kulturerbe aufgenommen. Hiervon profitieren auch andere Wirtschaftsbereiche, z.B. die Milchwirtschaft.

Der Viehscheid ist ein Grund dafür. Im September ist im Allgäu Hochsaison, es kehren rund 30.000 Rinder, aber auch Schafe oder Ziegen, von den Bergweiden nach den Sommermonaten zurück ins Tal. Dort werden sie freudig von Einheimischen, Touristen und den Landwirten begrüßt und von den Hirten an die verschiedenen Bauern, den sogenannten „Beschlägern“,  zurückgegeben: Sie werden „ausgeschieden“, daher der Name „Viehscheid“. Der älteste bekannte Allgäuer Viehscheid, der mit dem ehemaligen Mangenmarkt in Sonthofen in Beziehung stand, findet in Oberstdorf statt. Ein beliebtes Fotomotiv ist beim Abtrieb das sogenannte Kranzrind. Wenn im Laufe der Bergsaison kein Unglück geschehen ist und alle Tiere wohlbehalten ins Tal zurückkehren, wird das Leittier der Herde festlich geschmückt.

Doch auch in der übrigen Zeit des Jahres sind die Alpen im Allgäu aus der wirtschaftlichen Perspektive wichtig. Durch die Weidebewirtschaftung können ertragsschwache Steillagen genutzt werden, wo oftmals keine andere landwirtschaftliche Nutzung möglich ist. Auch verringern sich die Aufzuchtkosten und die Arbeitsbelastung für den Talbetrieb. Im Hinblick auf die Tiere gibt es zudem auch einige Vorteile: Die Bewegung am Berg und die Auseinandersetzung mit dem Wetter bringt neben gesundheitlichen Vorteilen auch den Erhalt von widerstandsfähigen, genügsamen bedrohten Bergrassen mit sich.

Ein weitere Besonderheit der Allgäuer Alpwirtschaft sind die rd. 40 Allgäuer Sennalpen und die Produktion des „Allgäuer Sennalpkäses“. Dieser Käse ist ein von der EU geschütztes Bergprodukt, der nur auf zertifizierten Alpen nach traditionell-handwerklicher Art hergestellt werden darf. Dazu gehört auch, dass die Milch von der Rasse Braunvieh kommt, dass auf mindestens 800 Höhenmetern weiden muss. Die überschaubare Produktionsmenge an Allgäuer Sennalpkäse und anderer Alpprodukte wird überwiegend direkt vermarktet. Damit dienen die Alpen dem Wandertourismus und profitieren ihrerseits vom einkehrenden Gast. Genauso übrigens, wie insg. 170 Alpen mit „kleiner Konzession“, die einen begrenztes Getränke- und Speiseangebot auf den Alpen bereitstellen dürfen.

Die Alpen sind auch Motor für die Erschließung des Gebirgsraumes, davon wiederum profitiert die Forstwirtschaft. Viele Älpler sind zudem hervorragende „Holzar“ und bewirtschaften den Bergwald vorbildlich.  Durch die Alpen wächst im Herbst eine frische Äsung heran. Dies ist sehr gut für das Wild.

Durch die Bewirtschaftung der Alpen profitieren auch unzählige Ferien- und Hotelbetriebe. Durch sie werden die Brauereien, Seilbahn- und viele andere Handwerksbetriebe unterstützt, und diese widerrum stellen im Winter Alppersonal als Saisonkräfte ein. Somit ist die Alpwirtschaft im Wirtschaftskreislauf der Region eng verzahnt.

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