ein Selbstversuch

Heimisches Superfood aus dem Allgäu

Matcha gegen Löwenzahn, Chia gegen Leinsamen - der Kampf der Superfoods ist eröffnet!

Superfood finde ich super. Ist es auch, unbestritten. Super darin, teuer zu sein. Besonders super, nicht regional zu sein. Acai-Beeren vom Amazonas, Goji-Beeren aus dem Himalaya oder Samen der krautigen Chia-Pflanze, die ursprünglich in den Hochebenen Mexikos wächst. Nichts von hier und vielleicht gerade aufgrund des Exotik-Faktors so vielversprechend? Irgendwie scheint alles, was am anderen Ende der Welt wächst, Superfood zu sein. Gleichzeitig fällt heimisches Superfood in der Werbung kaum auf. Hier stellt sich für mich berechtigt die Frage – gibt es denn überhaupt regionales Superfood?

Ein Selbstversuch soll Aufschluss geben. Einen Tag lang versuche ich, nicht zu den fernen Exoten zu greifen, sondern mich auf die Suche nach regionalem Superfood aus dem Allgäu zu machen und meine Mahlzeiten ausschließlich damit zu füllen. Gesund, naturbelassen und aus dem Allgäu – das sind meine selbstdefinierten Kriterien. Konkret bedeutet das: alles, was nach Kampfsport klingt - Matcha, Acai und Moringa - wird für einen Tag vom Ernährungsplan gestrichen. Zu Beginn gilt für mich zu klären, was überhaupt unter dem inflationär gebrauchten Begriff Superfood zu verstehen ist. Dieser ist streng genommen nämlich nicht einmal definiert. Im Allgemeinen bezieht er sich aber auf Lebensmittel, denen aufgrund ihrer Nährstoffzusammensetzung ein besonderer gesundheitlicher Nutzen zugesprochen wird und die natürlich und nicht industriell hergestellt werden.

 Statt Matcha-Latte: Löwenzahntee

Meine Umstellung von exotischem Superfood auf heimisches Superfood beginnt bereits morgens. Da ich meinen Kaffeekonsum etwas einschränken will, bin ich vor einiger Zeit auf Matcha-Tee umgestiegen. Wie andere Grünteesorten enthält Matcha belebendes Teein – das Pendant zum Koffein im Kaffee. Damit gilt er als DER gesunde Wachmacher überhaupt, der den Stoffwechsel ankurbelt und Stress reduziert. Die Problematik dabei: Die Tencha-Teepflanze, aus der Matcha gewonnen wird, wächst in Japan und ist alles andere als regional. Bei meiner gestrigen Recherche nach regionalen Alternativen bin ich auf Löwenzahntee gestoßen, der den Kreislauf sowie die Verdauung anregt, blutdrucksenkend und stark antioxidativ wirkt. Das Beste: Löwenzahn gibt’s im Allgäu wie Sand am Meer und so habe ich mir gestern bei einem Spaziergang einfach einen Büschel abgerissen. Ich beschließe, die Tasse Tee mit Löwenzahn, der „Blume des Allgäuer Frühlings“, ab jetzt einen festen Bestandteil meiner morgendlichen Frühstücksroutine werden zu lassen.

Statt Chia-Samen, Goji- und Acai-Beeren: Leinsamen und frische Allgäuer Beeren 

Zugegeben. In Chia-Samen steckt zweifelsohne ziemlich viel Gutes. Dies lässt sich jedoch ebenso gut über Leinsamen oder Brennesselsamen (das wohl proteinreichste „Unkraut“ der Welt) aufnehmen. Mal sehen, wie sich die in meinem heutigen Frühstücksmüsli machen. Durch die hohe Konzentration an Omega-3-Fettsäuren, Proteinen, Ballaststoffen, Antioxidantien, Vitaminen A, B1, 2, 3 und E, Kalzium, Kupfer, Phosphor und Mangan stehen sie der mexikanischen Konkurrenz in nichts nach! Übrigens, wusstet ihr, dass Leinsamen die Saat des blauen Flachses sind und so ursprünglicher Namensgeber des „blauen“ Allgäus?

Na und was ist mit Goji und Acai?  Die sind vor allem durch Pestizidrückstände aus China in Verruf geraten und werden von mir heute durch regionale Beeren ersetzt. Die Heidelbeere ist beispielsweise aufgrund ihrer hohen Dichte an Antioxidantien und ihrer entzündungshemmenden Wirkung das eigentliche Allround-Superfood schlechthin! Ein Blick auf die Uhr verrät: ich muss schleunigst in die Vorlesung. Für den Weg gibt’s in weiser Voraussicht ein paar Johannisbeeren „to go“ – der regelmäßige Verzehr der heimischen Johannisbeere soll nämlich die Kombinationsfähigkeit und unsere Gedächtnisleistungen verbessern und sogar Altersdemenz vorbeugen. Das perfekte Studentenfutter, das mich heute hoffentlich den Unitag überstehen lässt!

Statt Weizengras: “Green-Food” aus dem Allgäu

Für 500 Gramm Weizengras-Pulver bezahlt man online derzeit schlappe 18 Euro. Besonderer gesundheitlicher Nutzen kommt dem Weizengras vor allem durch den hohen Eisengehalt und das Chlorophyll zu, welches blutbildend, basisch und entzündungshemmend ist. Während meiner Marketing-Vorlesung fällt mir auf, dass unsere lokalen und preiswerten Alternativen der Region längst nicht so aggressiv beworben werden, wie deren exotische Verwandte. Gleichzeitig wird mir bewusst, dass ich mich gerade deshalb aktiver mit heimischer Superfood-Recherche beschäftigen muss - insofern heute noch etwas auf den Tisch soll. Meine Erkenntnisse: Superfood ist (beinahe jede Form von) „Green-Food“ und davon gibt’s im Allgäu jede Menge – Brokkoli, Grünkohl, Spinat und altbekannte Allgäuer Kräuter bestechen durch unschlagbare sekundäre Pflanzenstoffe, durch viele Vitamine, Mineralien und Spurenelemente und natürlich durch das Nonplusultra im grünen Blattgemüse: Das Chlorophyll. Hasta la vista, Weizengras-Smoothie! Während ich nichts vom Vorlesungsstoff mitbekommen habe, fühle ich mich jetzt zumindest gewappnet für eine Superfood-Exkursion auf den Kemptener Wochenmarkt.


Statt Baobab, Camu Camu und Cranberries:  Rote Beete, Pastinake und Meerrettich

Baobab, Camu Camu und Cranberries sind vor allem für ihren hohen Vitamin C Gehalt bekannt. Dieser wird jedoch auch durch mein heutiges Abendessen gedeckt – eine  Rote-Beete-Pastinaken-Suppe, die mit Meerrettich verfeinert wird. Die Vitamine und Mineralstoffe der Roten Bete können problemlos in unserem gemäßigten Klima angebaut und von Juli bis zum ersten Frost geerntet werden. Reich an Kalzium, Kalium, Magnesium, Folsäure, Eisen und Vitamin C ist sie besonders für Schwangere, aber auch für Menschen mit Eisenmangel empfehlenswert,  da die Bildung roter Blutzellen gefördert wird. Generell sollte sie aber bei uns allen regelmäßig auf dem Teller landen: Die Knolle soll nämlich entgiften, den Blutdruck senken und darüber hinaus eine krebshemmende sowie stimmungsaufhellende Wirkung mit sich bringen.

Pastinaken, die als regionales Wintergemüse ab Oktober bis Ende März auf den Allgäuer Märkten zu finden sind, verleihen meiner Suppe die nötige Würze und Sämigkeit. Durch die Einführung der Kartoffel ist die ehemals wichtigste heimische Kulturpflanze in Vergessenheit geraten. Umso erfreulicher, dass sie gerade wieder eine Renaissance erfährt. Neben ihrem hohen Kalium, Kalzium und Eisengehalt punktet sie vor allem durch den hohen Anteil an B-Vitaminen, die den Energiehaushalt und das Nervensystem stärken. Zu guter Letzt ist es an der Zeit, eine Lanze für den ewig haltbaren, ausdauernden und winterharten Meerrettich zu brechen: als „Penicillin des eigenen Gartens“ wirkt er antibiotisch gegen Infektionskrankheiten und Grippeerreger. 

Statt global: regional

Am Ende eines Superfood-intensiven Tages, wird es Zeit, ein Resümee zu ziehen. Nein, es war nicht einfach nur eine „super“ Erfahrung – so abgedroschen will ich dieses Thema nicht herunterbrechen. Es war ein Tag, der mir gezeigt hat, wie viel in unseren heimischen Lebensmitteln steckt. Wer sich generell gerne gesund ernähren möchte und daher öfter in exotisch gefüllte Regale greift – der erlebt die ein oder andere Überraschung, wenn er erkennt, dass die gute alte Rote Beete, der Kren (Omas Wort für Meerrettich) oder die Heidelbeeren am Wegesrand genauso nährstoffreich sind.

Wann wart ihr zuletzt eigentlich auf dem Wochenmarkt? Bewusst über den Wochenmarkt zu schlendern und sich nach regionalen und supergesunden Lebensmitteln umzuschauen – das trägt für mich ganz maßgeblich zur Lebensqualität bei. Und noch dazu: Wer sich für heimische Produkte stark macht, entscheidet sich auch gegen Lebensmittel, die die Umwelt und das Klima belasten und bestimmte Konservierungsmethoden benötigen.

Also probiert es aus! Man tut nicht nur sich, sondern auch der Region etwas Gutes. Und umso mehr ich mich mit dem Gedanken auseinandersetze, wie viel heimisches Superfood ich am heutigen Tage konsumiert habe, desto mehr fühle ich mich selbst als kleiner, regionaler (Super)held ;) 

Autor

Steffi (23)

Studentin in Kempten

Die Wahl zu haben, seine Lebensmittel bewusst auszusuchen, ist ein Privileg für mich :) Dazu gehören für mich auch naturbelassene, gesunde Lebensmittel im Studentenalltag. Drum geht's Mittwoch und Samstag meist auf den Kemptener Wochenmarkt oder am Wochenende in die Allgäuer Natur zum Sammeln und Pflücken ;)  

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