Mobile Saftmoschte - Feinster Saft aus regionalem Obst

Im Westallgäu haben drei Tüftler eine komplette Saftmoste auf Rädern selbst gebaut. Jeden Herbst touren sie damit acht Wochen durch Stadt und Land und pressen just-in-time das Obst der Kunden.

Eigene Obstbäume im Garten sind ein Segen. Aus Äpfeln, Birnen und Co. lassen sich zum Beispiel feine Säfte pressen – und plötzlich man kann das ganze Jahr über von den Früchten zehren. Besonders charmant ist es, wenn die Profipresse samt erfahrenem Personal beinahe vor die eigene Haustüre rollt. Drei Tüftler und ihre Familien aus Allgäu-Oberschwaben haben eine komplette Saftmoste inklusive Waschanlage, Mühle, Presse, Pasteur und Abfüller auf eine Fläche von gerade einmal 10 Quadratmetern gebaut, und Räder unten dran geschraubt. Mit dem Wagen sind sie jeden Herbst acht Wochen auf Tour durch Stadt und Land und pressen das Obst der Leute.

Amtzell bildet das sogenannte „Westliche Tor zum Allgäu“ und ist gleichzeitig der Geburts- und Heimatort der Mobilen Saftmoschte von Markus Fischer und Rainer Bauer. 17 Jahre ist es her, dass die beiden Freunde und früheren Berufskollegen ihrer Schnapsidee folgten und eine mobile Saftpresse kauften, um damit durch das Allgäu und die Bodenseeregion zu gondeln. Immerhin: Genügend Streu- und Tafelobst gab und gibt es hier. Und als ehemalige Landwirte und Direktvermarkter pflegten die beiden viele Kontakte. Auch die beiden Ehefrauen halfen von Anfang an tatkräftig mit, es handelte sich um ein Zwei-Familien-Projekt. Doch die ersten Jahre waren herausfordernd.

Bis zu 19 Stunden täglich ist die Moschte auf Tour

„Bis die Presse so richtig rund lief, vergingen locker fünf Jahre“, erinnert sich Rainer Bauer. Heute lacht er darüber. Es ist Mai. Und zusammen mit seinen Gefährten Markus Fischer und Bernhard Zwickel, der nun seit sieben Jahren auch im Team ist, sitzt Bauer am Tisch im Basislager. Das frühere Gehöft liegt außerhalb des Dorfes inmitten grüner Wiesen und momentan ebenso grüner Bäume. Der Stall ist als Lagerfläche gemietet, den Innenhof nutzen die Männer als Werkstatt. Denn im Frühling und Sommer ist Zeit, um ihre wertvolle Saftmoste instand zu halten und zu optimieren.

„Am Anfang ging‘s darum, das Teil überhaupt zum Laufen zu bringen“, erzählt Markus Fischer schmunzelnd. Heute versuchen die „Moschter“ ihre Presse noch effizienter, geräuschärmer und insgesamt angenehmer in der Handhabung zu machen. „Die Arbeit ist anstrengend genug“, sagt Rainer Bauer. Bis zu 19 Stunden täglich ist die Mobile Saftmoschte während der Herbsttour unterwegs. Das Team – mehr als die Hälfte sind übrigens Frauen mit Erfahrung in der Land- oder Almwirtschaft – teilt sich möglichst in zwei Schichten. Die Tage bleiben lang.

So läuft die Dienstleistung ab

Los geht es morgens um 5 Uhr. Die Moschte wird an einen 7,5-Tonner gehängt und rollt vom Hof in Amtzell. Im September und Oktober gibt es beinahe täglich ein neues Ziel im Allgäu in Oberschwaben oder in der Bodenseeregion. In Sonthofen zum Beispiel. Dort parkt die Obstpresse auf dem großen Parkplatz vor dem Kaufmarkt. „Wir schließen dann erst einmal Strom und Wasser an und richten uns auf die ersten Kunden ein“, erzählt Markus Kaiser. Und die kommen schon gegen 7 Uhr – mit Autos, Anhängern, Kisten und Wannen voller Früchte.

Über die Website oder die örtlichen Mitteilungsblätter erfahren die Leute von den Standorten der Moschte. Per Telefon oder Email vereinbaren sie einen Termin und geben grob die Menge des zu pressenden Obstes an. „Wir wollen ja nicht, dass der nächste Kunde ewig warten muss“, sagt Rainer Bauer, der anhand der Angaben dann einen Tagesablauf erstellt. „Oder sich am Schluss der gesamte Zeitplan nach hinten verschiebt.“ Gleichzeitig sollte die Presse mehr oder weniger durchlaufen. Denn sonst verliert sie Temperatur. Außerdem werden natürlich Kapazitäten vergeudet.

Die Kunden dürfen und sollen beim Pressen mithelfen

Der Ablauf ist immer gleich. Egal ob Äpfel oder Birnen, egal ob Kleinstkunde mit 100 Kilo oder Großabnehmer mit der zehn- oder zwanzigfachen Menge. Vorne am Förderband geben die Kunden ihr Obst ein, wo es durch einen Hochdruckreiniger gesäubert wird. Äpfel beispielsweise. „Wir sind immer zu zweit. Einer an der Presse, der andere an der Abfüllanlage. Zusätzlich brauchen wir die Hilfe der Leute“, erklärt Bernhard Zwickel. Aber das ist auch gut so. Denn auf diese Weise sind sie hautnah dabei, wenn ihr Obst einmal durch die mobile Presse wandert.

„Die Leute schauen und fragen dann immer: Ist das schon mein Saft?“, erzählt Rainer Bauer. Tatsächlich dauert es knapp 10 Minuten, bis der erste Saft des neuen Kunden aus der Presse läuft. „Die Leute sind stark fixiert auf ihr Produkt.“ Aber das sei auch verständlich, findet Bauer. Bei anderen Mostereien erhält man nicht immer den Saft aus den eigenen Äpfeln. Transparenz, Fachwissen und auch eine gewisse Sozialkompetenz gepaart mit Witz und Leidenschaft sind die Vorzüge der Amtzeller.

Männer und Presse schaffen 800 Kilo Obst pro Stunde

Nach Säuberung und Wasserbad gelangen die Äpfel über einen Elevator unters Dach der Moschte, wo sie in einer sogenannten Rätzmühle grob zerkleinert werden. Die entstandene Maische wird dann von einem der Teammitglieder in Presstücher geschlagen, die wiederum in mehreren Schichten und mit Platten dazwischen zu einem Turm aufgebaut werden. Bei maximal zehn Lagen ist Schluss. Dann drück die Schwenkpackpresse von unten. Etwa 70 Prozent Saft entsteht, der Rest ist Trester, also fester Rückstand.

Nun wird der Saft zunächst grob, dann fein gefiltert und läuft schließlich in einen der beiden Tanks. Dort wird der Saft auf exakt 78 Grad erhitzt, um Hefen, Bakterien und Pilze abzutöten, und läuft sodann in die Abfüllanlage. Der zweite Mann des Teams steht schließlich am Hahn und befüllt die 5-Liter-Plastikbeutel des Bag-in-Box-Systems. Der Kunde packt den Karton ein. Fertig. 800 Kilo Obst presst die Moschte pro Stunde, bis zu 40 Kunden bedient das Team pro Tag.

Direktvermarktung aus dem eigenen Bestand

„Bei uns kommt nichts rein und nichts raus“, erklärt Rainer Bauer. Der Kunde bekommt zu hundert Prozent Saft aus seinen Früchten. Das heißt aber im Umkehrschluss: Der Saft ist nur so gut, wie die Äpfel waren. „Richtig. Aus schlechtem Obst können wir auch keinen guten Saft zaubern“, sagt Markus Fischer lachend. Darauf müssten manche Kunden auch mal hingewiesen werden, wenn das Obst faulig oder stark verdreckt ist. Am besten schmecke immer eine Mischung aus verschiedenen Apfel- bzw. Obstsorten, ein Spiel mit Säure und Süße sei der Schlüssel zum perfekten Saft. Da müsse jeder Obstbaum-Besitzer ein bisschen probieren, wissen die Moschter aus eigener Erfahrung.

Denn die drei sind nicht nur im Dienstleistungsgeschäft, sie sind auch Direktvermarkter. Zum Basislager in Amtzell gehören nämlich auch eineinhalb Hektar Streuobstwiesen. Hier stehen etwa 70 eigene Hochstammbäume verschiedener Apfelsorten, dazwischen auch einzelne Birnbäume. Die drei Männer stapfen ums Haus und betreten den Bestand. Gerade die kürzlich gepflanzten Jungbäume wollen sie sich anschauen, der alte Bestand soll erneuert werden. Insgesamt 50.000 Liter Apfelsaft pressen die Männer aus dem Obst dieser und über 200 weiterer Bäume im Umkreis. Außerdem kaufen sie das Streuobst einiger Landwirter oder privater Streuobstbesitzer in der Region auf. 50.000 Liter Saft bedeuten etwa 75 Tonnen Obst.

Eigene Produkte in Zusammenarbeit vor Ort

„Wir haben da auch ein paar Abmachungen mit Kommunen oder Landwirten in der Region. Wir pflegen den Bestand, schneiden die Bäume, dafür ernten wir auch das Obst“, erklärt Rainer Bauer. Das Saftangebot, das die Amtzeller unter dem Namen „Saftmoschte“ vertreiben, umfasst mittlerweile einige Sorten: Apfel-Birne, Apfel-Holunder, Apfel-Quitte, Apfel-Mango und neuerdings auch Apfelschorle. Letztere lassen die Obstbauern von einer Brauerei aus der Region abfüllen. Die weiteren Obstsorten generieren sie von Bauern aus dem Umkreis, das Mango-Püree beziehen die Männer über ein Dritte-Welt-Projekt von den Philippinen. Vermarktet werden Säfte und Schorle über Supermärkte in der Region sowie kleinere Wiederverkäufer und Dorfläden.

Anfangs hatten die Männer kaum Ahnung vom Obst, vom Saften oder von der Vermarktung. Grundlagen in der Landwirtschaft, technisches Verständnis und Beharrlichkeit hätten sie schließlich vorwärtsgebracht, glaubt Rainer Bauer. Auch die Unterstützung ihrer Familien war ausschlaggebend, die Kinder sind mit der mobilen Moschte großgeworden und stehen nun selbst an der Presse. 60.000 Liter Saft pressten die Amtzeller noch im ersten Jahr. Im bisher stärksten Jahr 2018 waren es insgesamt mehr als 250.000 Liter Saft. 60 Tage am Stück war das Team in dieser üppigen Obstsaison mit der Mobilen Saftmoschte unterwegs. Das war heftig, sind sich die Männer einig. Auch 2020 könnte ein starkes Jahr werden, glauben sie.

Sie sitzen wieder am Tisch im Innenhof ihres Basislagers. Es ist die Ruhe vor dem Sturm sozusagen. Im Frühling kommen sie etwa einen Tag pro Woche her, ansonsten geht jeder seinen sonstigen beruflichen Verpflichtungen nach. Doch an diesem einen Tag in der Woche wird an der Presse geschraubt, geputzt, im Lager von links nach rechts geräumt – und natürlich der eigene Saft verkostet.

 


Der Betrieb: 

Name: Mobile Saftmoschte
Ort: Amtzell (Oberschwaben)
Fläche: 1,5 ha Streuobstwiesen zur Pacht zzgl. weiterer Bestände (300 Hochstammbäume gesamt)
Besonderheit: Mobile Saftpresse, mit der das Obst von Kunden im Allgäu, in Oberschwaben und der Bodenseeregion verarbeitet wird
Wirtschaftsweise: Konventionell und Biologisch, Nebenerwerb
Arbeitskräfte: 3 Arbeitskräfte zzgl. 15-20 Saisonarbeiter während der Erntezeit
Produkte: Lohnmosterei, Säfte aus Apfel (bio), Birnen und mehr, Schorle
Vertrieb: Dienstleistung vor Ort, Säfte über regionale Supermärkte, Wiederverkäufer
Info: www.mobilesaftmoschte.de



 

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